Allgemein, Anders und (un)sichtbar.
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Anders und (un)sichtbar.

Freiheit bedeutet, dass man nicht unbedingt alles so machen muss wie andere Menschen.“ (Pippi Langstrumpf) ist der Leitspruch von Sabine. Sabine ist 40 Jahre und kommt aus NRW. Sie hat einen GdB (Grad der Behinderung) von 60%. Ihre Kraft zieht sie aus der Zeit mit ihrem Sohn, Musik hören oder aus Zeiten im Park oder bei Tieren. 

Magst Du Dich und Deine Familie kurz vorstellen? Was ist bei Dir /Euch anders und unsichtbar?
Ich bin Bine, 40 Jahre alt und seit 17 Jahren stark schwerhörig. Für beide Ohren habe ich Hörgeräte. In den letzten Jahren hat sich der Hörfehler stark verschlechtert. Es ist mir immer wieder nur schwer möglich, Unterhaltungen mit mehreren Menschen zu folgen. Aber auch einfaches Ansprechen kann schwierig sein. Oft muss ich zweimal oder mehrmals nachfragen, was die Person von mir möchte. Das führt oft zu Unverständnis und genervt sein. Sehr oft höre ich dann Sätze wie „Hast du dein Hörgerät nicht an“? Oder „Du musst mal wieder zum Ohrenarzt, das ist schlechter geworden“. Andererseits habe ich aber auch ganz oft Momente, wo Menschen nach meinem Hinweis sehr verständnisvoll reagieren und Rücksicht nehmen.

Wo und wie wird Deine/Eure unsichtbare Behinderung im Alltag sichtbar? Wie beeinflusst Dich/Euch die Behinderung im Alltag?
Ganz deutlich bei Unterhaltungen, beim Telefonieren (was nur noch über Lautsprecher klappt), oder auch zum Beispiel beim Fernsehschauen. Ich schaue fast nur noch Sender, die zuverlässig Untertitel anbieten. Die Schwerhörigkeit isoliert mich und macht einsam. Die meisten Menschen haben nicht die Geduld, sich mit mir länger als drei Sätze zu unterhalten. Und irgendwo kann ich das auch verstehen.

Was war die blödeste Reaktion in Bezug auf Deine Behinderung, mit der Du je konfrontiert warst?
Oh, da gab es viele. Am Blödesten finde ich aber immer noch, wenn Menschen aus meinem Umfeld mich bei anderen quasi outen, obwohl ich dabei bin. Als könnte ich nicht für mich selbst sprechen. Oder wenn ich vor Fremden laut gefragt werde, ob ich denn meine Hörgeräte dabei hätte. Das ist einfach sehr übergriffig und beleidigend. Auch wenn die Menschen es in dem Moment“gut“ meinen. Aber gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht.

Was war Dein positivstes Erlebnis in Bezug auf Deine Behinderung im Alltag?
Die Selbstverständlichkeit in Bezug auf Hilfen und Rücksicht auf meiner Arbeit. Ich arbeite in einer Behinderten Werkstatt im Arbeitsbereich. Und es wurde von Anfang an klar signalisiert, dass es völlig okay ist, wenn ich Hilfe brauche oder auch wenn ich die Geräte mal ausmachen muss, wenn es mir zu laut wird. Denn das muss man wissen: Durch die Geräte landen die Geräusche ungefiltert im Ohr. Normalerweise filtern unsere Ohren wichtige aus unwichtigen Geräuschen heraus. Das funktioniert aber nur mit richtig teuren Geräten.

Welche Reaktionen und Verhaltensweisen Deiner Mitmenschen würdest Du Dir wünschen?
Mehr Verständnis, mehr Rücksicht auf mein Befinden und meine Wünsche. Und ganz praktisch gesehen mehr Hilfe von den Krankenkassen. Das zum Beispiel gute Hörgeräte mit Telefonfunktion bezahlt werden, die am Fernseher auch als Kopfhörer dienen. Das würde ich mir sehr wünschen. Mehr Respekt in der Gesellschaft. Denn auch wenn man Hörgeräte trägt, ist man trotzdem auf lautere Autos angewiesen. Die Neueren, und ganz speziell die E-Autos, werden aber immer leiser. Dafür Verständnis zu bekommen ist sehr schwer.

Hast Du einen Tipp, wie man mit doofen Situationen und unfreundlichen Menschen umgehen kann?
Ich denke es kommt darauf an, wie nah man diesen Menschen steht. Bei wildfremden ist es mir meist relativ egal, es sei denn sie werden direkt persönlich beleidigend. Bei Menschen aus dem Umfeld werde ich auch schon mal zickig oder fordere das Verständnis ein. Dazu immer wieder Aufklärung, auch wenn man schon etliche Mal drüber geredet hat. Aber es ist sehr schwer für normal hörende, die Probleme nachzuvollziehen.

Würdest Du Dir wünschen, dass Deine Behinderung (Eure Behinderung) sichtbarer wäre? Wenn ja/nein, warum?
Ja, das würde ich mir schon wünschen. Ich verspreche mir davon, mehr Verständnis und Akzeptanz in der Gesellschaft.

Hattest Du schon einmal (unbegründete) Vorurteile einem anderen Menschen gegenüber? Wenn ja, warum?
Ja, ich glaube ganz ehrlich, das ist uns allen schon passiert. Eine konkrete Situation kann ich zwar grade nicht nennen, aber ich weiß das es schon mal so war.

Wie sieht für Dich eine ehrliche Begegnung aus?
Sich gegenseitig viel Zeit geben zum Kennenlernen, zum reden und zuhören. Die Eigenheiten des anderen akzeptieren und annehmen. Und Fragen stellen.

Vielen lieben Dank liebe Sabine für das offene Interview!

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