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Kirche für alle.

Rumlaufen. Ausprobieren. Anfassen. Kirche mal anders. Unser erster inklusiver Familiengottesdienst- und was soll ich sagen? Es war traumhaft schön. Einen Gottesdienst zu erleben, bei dem ich nicht aufpassen muss wie Evan sich verhält. Ihn nicht in die Schranken weisen muss, wenn er zu laut klatscht oder sonstige Geräusche macht. Die anderen Kinder zu beobachten, wie sehr es ihnen gefällt, all das konnte ich und viele andere Menschen am Samstag erleben.

Lebendige Gottesdienste.

„Aber vielleicht darum, einen wichtigen Teil des Glaubens schlicht zu leben: Jeder Mensch ist willkommen und einmalig. Jeder Mensch gehört zu Gott, egal wie er oder sie ist.“

Ja, genau. Darum geht es mir. Es ist wiklich immer wieder verblüffend wie sehr es Evan in Kirchen zieht. Wie sehr er dort, auch wenn es nur ein kurzer Moment ist, zur Ruhe kommt. Inne hält. Manchmal kommt es mir so vor, als ob er das Gefühl hat, angenommen und herzlich willkommen zu sein.

Mein lieber Evan, Du bist einmalig und wunderbar gemacht, genauso wie Du eben bist.

Quelle: Artikel & Bild Delmenhorster Kreisblatt

Lebendige und Inklusive Gottesdienste

Evan liebt Kirchen. Schon immer. Irgendwie hat es meinen kleinen Michel schon jeher immer zuerst in die Kirche der jeweiligen Stadt oder des Dorfes getrieben, in der wir waren. Ganz automatisch wollte er zuerst immer in die Kirche. Dort verweilt er dann, setzt sich auf die Bänke und schaut sich alles genau an. Ja, ich glaube sogar, dass er ein wenig in sich kehrt. Ganz auf seine eigene Weise. Schon immer wollte ich mit Evan Gottesdienste besuchen, habe es aber nach anfänglichen Versuchen, schnell sein lassen. Daher war es mir ein großer Herzenswunsch Gottesdienste für alle Menschen, egal ob mit Behinderung oder ohne anzubieten. Einen lebendigen Gottesdienst mitzugestalten, in dem man sich nicht verkriechen muss, oder immer nur lause sein sollte. Nein, einen Gottesdienst, in dem man so sein kann wie man ist und jeder Mensch herzliche Willkommen ist.

Wir laden Euch herzlichst ein, mit uns zu feiern.

Marcella & Evan

T-Raeume leben

So oft träume ich davon, Evan einfach mal eben so im Sommer zu einer Ferienfreizeit anmelden oder ihn wie andere Kinder am Nachmittag beim Fußballtraining anfeuern zu können. Bislang konnte ich weder das Eine noch das Andere. Das hat mich in der Vergangenheit sehr traurig gemacht. Ich möchte nicht mehr traurig sein oder mich ärgern müssen, dass Evan nicht die gleichen Möglichkeiten wie andere Kinder erfährt. Ich möchte etwas verändern. Ich möchte nicht weiter nur davon träumen.

Daher bin ich sehr glücklich, Euch endlich mitteilen zu können, dass wundervolle Menschen mit mir zusammen einen Verein gegründet haben:

T-Raeume leben ist entstanden. Wir möchten Träume leben und Räume schaffen. Für alle Menschen. Egal ob mit Behinderung oder ohne. Wir selber wissen, wie isoliert man durch eine Behinderung heutzutage noch immer sein kann. Wir möchten betroffenen Menschen, Familien, Eltern und Geschwistern Mut machen und zeigen: Ihr seid nicht alleine.

Durch Projekte und Aktionen möchten wir Inklusion leben und Menschen mit Beeinträchtigungen helfen, so angenommen zu werden wie sie sind. Wir planen verschiedene Projekte zum Thema inklusive Freizeitangebote und inklusives Wohnen.

Besucht unsere Seite. Wir freuen uns auf Euch! Gemeinsam können wir die Welt verändern. Ein kleines bisschen und dann immer mehr.

Evi und Evan.

Immer ein Lächeln im Gesicht, immer wertschätzend, immer offen und nie wertend, immer großzügig und großherzig, eher selbstlos, meistens bunt, immer liebevoll, interessiert, wundervoll, einzigartig. Großartig. 

Liebste Evi,

so habe ich Dich in Erinnerung. Oft schließe ich meine Augen und sehe Dich bildlich vor meinem Auge. Wie Du strahlend ins Haus marschierst mit Deinem Rucksack auf den Schultern und Deiner strahlenden Lilajacke. Du stellst Deinen Rucksack in den Flur und schon kommt Evan Dir entgegengelaufen und begrüßt Dich herzlich. Ich höre immer noch Deine Stimme und die Lieder, die Du fröhlich mit Evan in seinem Zimmer singst. Ich sehe euch noch im Garten, wie Du Evan liebevoll abtrocknest und versuchst, ihn nach dem Baden wieder anzuziehen. Ich sehe Dich und Evan immer noch wie ihr euch kameradschaftlich Deine Wasserflasche teilt. Ich sehe uns in der Küche sitzen, wie Du mir wertschätzend zu hörst und immer ein Ohr für meine Sorgen und Probleme hast. Ich sehe uns immer noch zusammen tanzen und lachen. Ich habe immer noch Deine Stimme im Kopf wie Du liebevoll über Deine Familie sprichst und wie viel Dir die Zeit, mit ihnen bedeutet.

Es gibt Menschen, die berühren unser Herz. Ganz tief und ganz fest. So tief und so fest, dass sie für ewig einen festen Platz in unserem Leben und unseren Herzen haben. So ein Mensch, liebe Evi, warst Du für mich und für Evan. So viele Jahre hast Du uns auf unserem Weg begleitet. Du hast Evan so angenommen wie er ist und ihm immer, egal in welcher Situation, so viel Liebe und Wertschätzung entgegengebracht. Deine Ruhe und Deine Ausgeglichenheit mit jeder Situation umzugehen, all das habe ich immer an Dir bewundert. Du hast Dich selber immer sehr zurückgenommen, dass ich manchmal das Gefühl hatte, dass Du gar nicht wusstest wie wundervoll und einzigartig Du warst.

Es fällt mir immer noch schwer, in der Vergangenheit zu schreiben. So gerne würde ich Dir eine SMS schreiben und Dich fragen, ob wir uns treffen wollen. So gerne würde ich mit Dir, Evan und Noah einen Ausflug machen. Dein Bild steht bei uns im Flur und Du bist allgegenwärtig. Du hast unsere Herzen berührt und wir lassen Dich nicht gehen. Ich weiß, dass Evan Dich fest in seinem Herzen verankert hat und Dich immer wieder in seine Arme schließen würde. Als Du nach langer Zeit wieder bei uns warst, hat Evan Dich an die Hand genommen, über Deinen Kopf gestreichelt und Dich ganz selbstverständlich mit in sein Zimmer genommen. Du warst und bist und wirst immer seine Freundin sein. Evi und Evan. Das hat einfach von Anfang an gepasst.

Ich habe Dir am Ende oft „Danke“ gesagt aber ich bin mir nicht sicher, ob ich es richtig ausgedrückt habe. Ich bin Dir nicht nur dankbar, dass Du Dir die Zeit genommen hast, auf Evan aufzupassen. Ich bin Dir unendlich dankbar für die Art und Weise wie Du mit Evan umgegangen bist. Ich kann das sehr schlecht in Worte fassen, da Worte in diesem Falle nicht so gut beschreiben können, wie viel es mir bedeutet hat. Du hast Evan die Wertschätzung entgegengebracht, die ich im Alltag oft vermisse. Es viel Dir so leicht, Evan anzunehmen und ihn lieb zu haben. Diese Leichtigkeit und Wertschätzung bedeutet mir unendlich viel und hat mir in vielen schlechten Momenten geholfen. Ich hoffe so sehr, liebe Evi, dass Du diese Dankbarbeit gespürt hast. Ich muss immer noch sehr oft an unsere letzte Begegnung denken. Ich war mir ganz sicher, dass wir uns noch einmal sehen würden. Ich glaube Du wusstest schon, dass es das letzte Mal sein würde. Und wieder warst Du so stark und voller Güte. Du hast mir den Abschied leichter gemacht. Das weiß ich jetzt rückblickend.

Liebste Evi, ich bin unendlich traurig, dass Du nicht mehr da bist. Du fehlst. Punkt. Aber, ich bin unendlich dankbar, dass Evan und ich, Dich so lange in unserem Leben haben durften. Ich hoffe sehr, dass Es Dir gut geht wo auch immer Du jetzt bist. Es beruhigt mich zu wissen, dass Du auf Evan Acht gibst. Wir tragen Dich immer in unserem Herzen. Ganz fest. Evi und Evan.

Dein Evan und Deine Marcella

Anders und (un)sichtbar.

Freiheit bedeutet, dass man nicht unbedingt alles so machen muss wie andere Menschen.“ (Pippi Langstrumpf) ist der Leitspruch von Sabine. Sabine ist 40 Jahre und kommt aus NRW. Sie hat einen GdB (Grad der Behinderung) von 60%. Ihre Kraft zieht sie aus der Zeit mit ihrem Sohn, Musik hören oder aus Zeiten im Park oder bei Tieren. 

Magst Du Dich und Deine Familie kurz vorstellen? Was ist bei Dir /Euch anders und unsichtbar?
Ich bin Bine, 40 Jahre alt und seit 17 Jahren stark schwerhörig. Für beide Ohren habe ich Hörgeräte. In den letzten Jahren hat sich der Hörfehler stark verschlechtert. Es ist mir immer wieder nur schwer möglich, Unterhaltungen mit mehreren Menschen zu folgen. Aber auch einfaches Ansprechen kann schwierig sein. Oft muss ich zweimal oder mehrmals nachfragen, was die Person von mir möchte. Das führt oft zu Unverständnis und genervt sein. Sehr oft höre ich dann Sätze wie „Hast du dein Hörgerät nicht an“? Oder „Du musst mal wieder zum Ohrenarzt, das ist schlechter geworden“. Andererseits habe ich aber auch ganz oft Momente, wo Menschen nach meinem Hinweis sehr verständnisvoll reagieren und Rücksicht nehmen.

Wo und wie wird Deine/Eure unsichtbare Behinderung im Alltag sichtbar? Wie beeinflusst Dich/Euch die Behinderung im Alltag?
Ganz deutlich bei Unterhaltungen, beim Telefonieren (was nur noch über Lautsprecher klappt), oder auch zum Beispiel beim Fernsehschauen. Ich schaue fast nur noch Sender, die zuverlässig Untertitel anbieten. Die Schwerhörigkeit isoliert mich und macht einsam. Die meisten Menschen haben nicht die Geduld, sich mit mir länger als drei Sätze zu unterhalten. Und irgendwo kann ich das auch verstehen.

Was war die blödeste Reaktion in Bezug auf Deine Behinderung, mit der Du je konfrontiert warst?
Oh, da gab es viele. Am Blödesten finde ich aber immer noch, wenn Menschen aus meinem Umfeld mich bei anderen quasi outen, obwohl ich dabei bin. Als könnte ich nicht für mich selbst sprechen. Oder wenn ich vor Fremden laut gefragt werde, ob ich denn meine Hörgeräte dabei hätte. Das ist einfach sehr übergriffig und beleidigend. Auch wenn die Menschen es in dem Moment“gut“ meinen. Aber gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht.

Was war Dein positivstes Erlebnis in Bezug auf Deine Behinderung im Alltag?
Die Selbstverständlichkeit in Bezug auf Hilfen und Rücksicht auf meiner Arbeit. Ich arbeite in einer Behinderten Werkstatt im Arbeitsbereich. Und es wurde von Anfang an klar signalisiert, dass es völlig okay ist, wenn ich Hilfe brauche oder auch wenn ich die Geräte mal ausmachen muss, wenn es mir zu laut wird. Denn das muss man wissen: Durch die Geräte landen die Geräusche ungefiltert im Ohr. Normalerweise filtern unsere Ohren wichtige aus unwichtigen Geräuschen heraus. Das funktioniert aber nur mit richtig teuren Geräten.

Welche Reaktionen und Verhaltensweisen Deiner Mitmenschen würdest Du Dir wünschen?
Mehr Verständnis, mehr Rücksicht auf mein Befinden und meine Wünsche. Und ganz praktisch gesehen mehr Hilfe von den Krankenkassen. Das zum Beispiel gute Hörgeräte mit Telefonfunktion bezahlt werden, die am Fernseher auch als Kopfhörer dienen. Das würde ich mir sehr wünschen. Mehr Respekt in der Gesellschaft. Denn auch wenn man Hörgeräte trägt, ist man trotzdem auf lautere Autos angewiesen. Die Neueren, und ganz speziell die E-Autos, werden aber immer leiser. Dafür Verständnis zu bekommen ist sehr schwer.

Hast Du einen Tipp, wie man mit doofen Situationen und unfreundlichen Menschen umgehen kann?
Ich denke es kommt darauf an, wie nah man diesen Menschen steht. Bei wildfremden ist es mir meist relativ egal, es sei denn sie werden direkt persönlich beleidigend. Bei Menschen aus dem Umfeld werde ich auch schon mal zickig oder fordere das Verständnis ein. Dazu immer wieder Aufklärung, auch wenn man schon etliche Mal drüber geredet hat. Aber es ist sehr schwer für normal hörende, die Probleme nachzuvollziehen.

Würdest Du Dir wünschen, dass Deine Behinderung (Eure Behinderung) sichtbarer wäre? Wenn ja/nein, warum?
Ja, das würde ich mir schon wünschen. Ich verspreche mir davon, mehr Verständnis und Akzeptanz in der Gesellschaft.

Hattest Du schon einmal (unbegründete) Vorurteile einem anderen Menschen gegenüber? Wenn ja, warum?
Ja, ich glaube ganz ehrlich, das ist uns allen schon passiert. Eine konkrete Situation kann ich zwar grade nicht nennen, aber ich weiß das es schon mal so war.

Wie sieht für Dich eine ehrliche Begegnung aus?
Sich gegenseitig viel Zeit geben zum Kennenlernen, zum reden und zuhören. Die Eigenheiten des anderen akzeptieren und annehmen. Und Fragen stellen.

Vielen lieben Dank liebe Sabine für das offene Interview!

Was nicht passt?

…wird passend gemacht. –

Immer wieder werden wir in Rollen oder Schubladen gesteckt, in die wir eigentlich gar nicht wollen und auch nicht gehören. Aber trotzdem findet man sich dort wieder. So geht es mir zumindest.

„Das schafft ihr nicht.“ „Das ist zu viel zu schwer.“ Was? Das willst Du wirklich machen?! Das klappt sowieso nicht.“ „Total idiotisch. Bescheuert. Viel zu kompliziert. Warum tust Du Dir das an?“ „Du hast doch gar keine Zeit.“

Wie oft im Leben hört man diese oder ähnliche Aussagen von Mitmenschen? Wie oft spricht diese kleine innere Stimme zu uns, gerade deutlich genug, um sie zu hören:

Die Anderen haben Recht. Das ist viel zu schwer! Lass es ein. Das klappt sowieso nicht. Sei nicht blöd. Mach Dich nicht lächerlich. Das macht man nicht. Das gehört sich nicht.

Ich zumindest kann diese kleine innere Stimme in vielen Situationen hören. Deutlich hören. Gerade in Bezug auf oder mit Evan. Es passiert blitzschnell, eine Sekunde nicht aufgepasst und schon steckt oder sitzt man in einer Schublade. Bei Menschen mit einer Behinderung dauert es sogar nur 0,5 Sekunden. Entweder wird Evan überschätzt oder unterschätzt. Sein wirklicher Ist-Zustand wird dabei häufig – fast immer – nicht berücksichtigt.

„Was? Ihr Junge ist 5 und kann nicht sprechen! Er ist behindert. Oh, okay! „Kutschiguuu Blääää.“

Und schon wird gewechselt – in die Babysprache. Entweder das Eine oder das Andere. Überdurchschnittlich intelligent oder dumm. Wann haben wir verlernt einen Menschen, egal ob mit oder ohne Behinderung, so anzunehmen wie er ist und was er ist? Ihn weder zu verurteilen noch zu bemitleiden? Ich kann mich nicht davon freisprechen. Auch wenn sich mein Blick im Laufe der Zeit verändert hat, passiert es mir immer noch, dass ich einem behinderten Menschen zu schnell zu wenig zutraue. Sehr oft, eigentlich immer, werde ich eines Besseren belehrt.

Mit 3 sollte ein Kind dieses können, mit 4 muss er/sie in der Lage sein jenes zu können und mit 18 macht er/sie dann Abitur. Danach? Wird studiert! Ganz klar. Alternativ? Vielleicht eine vernünftige und sichere Ausbildung abschließen. Und wenn er/sie andere Pläne hat? Kommt nicht in Frage. Ich weiß was gut für mein Kind ist! Aber wissen wir das wirklich immer am besten? Jedes Elternpaar wünscht sich das Beste für sein Kind. Davon bin ich überzeugt. Aber sind die eigenen Wünsche immer die Besten? Geht es nicht vielmehr darum sein Kind zu unterstützen, die eigenen Träume zu realisieren. (Wenn das ein Studium oder eine sichere Ausbildung ist umso besser.)

„Keine Angst Frau Becker., ihr Sohn kann auch mit dem Herzfehler Abitur machen.“

Wie bitte? Abitur? Scheiß auf Abitur. Hauptsache mein Kind lebt – waren meine Gedanken. Heutzutage leben wir mehr und mehr in einer Welt, in der der Wert eines Menschen und sein Stellenwert in der Gesellschaft meistens nach seiner wirtschaftlichen Leistung bewertet wird. 8 Jahre nach dem Gespräch mit dem Kinderkardiologen frage ich mich, welchen Platz wird mein kleiner Michel in so einer Welt haben? In den Vergleichsgesprächen “Was kann mein Kind“ wären wir definitiv ziemlich weit hinten. Aber wissen Sie was? Das ist mir egal. Total egal. Evan muss nichts mit dem Erreichen eines bestimmten Alters können. So Evan, jetzt bist Du 8 und genau jetzt musst Du Deinen Namen buchstabieren können. Vorwärts und rückwärts. Dabei solltest Du, wenn möglich, auf einen Bein hüpfen und gleichzeitig Deinen Kopf streicheln. Könnte er, würde Evan mir genau in diesem Moment den Vogel zeigen (mit 8 Jahren). Zu Recht. Selbstverständlich wünsche ich mir von Herzen, dass mein kleiner Michel in der Lage sein wird, ein selbstständiges Leben zu führen. Ob und wie er sein Leben führen wird bestimmt allerdings Evan. Ich kann ihn im Rahmen meiner Möglichkeiten unterstützen aber das Tempo liegt bei ihm. Ganz nebenbei, das Abitur wirkt neben einem chronisch kranken Kind äußerst lächerlich. Fast schon wie eine Witzfigur. (Schade, dass ich das nicht schon während meiner Abi-Prüfungen wusste).

Das schafft ihr nicht. Das macht man nicht. Das gehört sich nicht. Ich bin dabei diese Wörter aus unserem Vokabular – nein, aus unserer Welt – zu streichen. Wenn wir Lust haben, dann laufen wir im Sommer mit offenen Schuhen und verschiedenen Socken herum oder vielleicht auch ganz ohne Schuhe und nur in bunten Socken. Wenn wir Lust haben, spielen wir “Old Mc Donald had a Farm“ an der Kasse in unserem Supermarkt, begleitet von unserer Gitarren-Klobürste und Bratpfanne. Wenn wir Lust haben, kombinieren wir einen Pünktchen-Pullover, eine viele zu kurze Hose und eine Streifenstrumpfhose. Wenn wir Lust haben, mieten wir uns einen Bulli und fahren damit quer durch Europa und machen Urlaub. Wenn wir Lust haben, nehmen wir um 17 Uhr noch eine Stunde Autofahrt zu unserem Lieblingsplatz in Kauf, nur um für 10 Minuten den Sonnenuntergang zu beobachten. Wenn wir Lust haben, laufen wir einen Halb-Marathon zusammen – ich laufe und Evan sitzt in seinem umgebauten Hilfs-Sportbuggy, inklusive Kikaninchen, dem grünen Gummibär, Bert und seiner Gitarren-Klobürste.

Evan und ich lassen uns nicht von Grenzen beschränken, die uns andere – fremde – Menschen auferlegen wollen. Wir sind wer wir sein wollen. An einem Tag vielleicht ein bisschen mehr Pippi Langstrumpf und am anderen Tagen ein bisschen mehr Michel aus Lönneberga. Aber immer wir selbst.

Lasst Euch nicht unterkriegen. Habt Mut. Seid wild und frech und wunderbar. Lasst Euch nicht in Schubladen stecken, in die ihr nicht wollt. Nehmt keine Rollen an, für die ihr nicht vorgesprochen habt. Niemand sollte aufgrund (s)einer Behinderung ausgegrenzt werden oder entmutigt werden, bestimmte Dinge in seinem Leben zu erreichen. Dabei geht es nicht immer um die gefährlichsten oder waghalsigsten Erlebnisse. Manchmal sind es “Kleinigkeiten”, die wir uns im Alltag nicht zutrauen oder vor denen wir Angst haben. Ich glaube ganz fest daran, dass wir alles schaffen können was wir wollen und wir die sein können, die wir sein wollen. Ich möchte, dass Evan mit dem Gefühl und einer Selbstverständlichkeit groß wird, dass er alles schaffen und erreichen kann was er will. Ein Orchester, eine Philharmonie, bestehend aus Klobürsten, Bratpfannen, Fliegenklatschen und Handfegern. Warum nicht? Das es Mültonnenmusik gibt hätte früher auch niemand geglaubt.

Natürlich gibt es Grenzen, die auch wir nicht überwinden können – zumindest bis jetzt. Das macht mich oft traurig und wütend. Aber das ist okay. Es gibt Alternativen. Anstatt mit dem Flugzeug in fremde Länder zu fliegen, reisen wir mit dem Bulli durch Deutschland. Mit genügend Mut und Enthusiasmus (und viel positiver Energie) erreichen wir hoffentlich Spanien. Wenn nicht, dann bleiben wir halt an der Nordseeküste. Ich glaub an uns. Seid wer immer ihr sein wollt. Und denkt daran:

Was nicht passt, wird passend gemacht.

Freiheit.

Mein liebes Kind, weißt Du was? So oft Du mich auch an meine Grenzen bringst, überwiegt meine Liebe und meine Bewunderung für Dich. Ich bewundere Dich für Deinen unerbittlichen Willen und Deine Stärke. Ich bewundere Dich mit welcher Begeisterung Du Großes in kleinen Dingen siehst. Ich bewundere Dich, dass Du trotz vieler Widerstände Deinen eigenen Weg gehst und Du bist.

„Das gehört sich nicht“ oder „Das macht man doch nicht“

Diese Wörter und Einschränkungen halten Dich nicht zurück, Du selber zu sein. Jeden Tag durchbrichst Du die Regeln und soziale Norm der Gesellschaft. Hast Du das Bedürfnis im Winter barfuß zu gehen, machst Du das. Möchtest Du einen Staubsauger auf Deinen Reisen mitnehmen, dann machst Du das. Hast Du das Verlangen deinen alten und kaputten Laptop und Deine Schlafdecken bei Dir zu haben, dann machst Du das. Wie schnell werden kleine Kinder heutzutage schon in Schubladen gesteckt? Wie schnell werden Kinder in die gesellschaftliche Norm, in eine Form, gepresst, in die sie noch gar nicht reinpassen? Wie oft müssen Kinder sich heutzutage schon anpassen und den Druck der Gesellschaft auf sich spüren? Leider viel zu oft.

Mein lieber Evan, weißt Du was? Ich danke Dir. Ich danke Dir, dass Du mir jeden Tag aufs Neue zeigst, dass man nicht alle Regeln oder Normen für sich beanspruchen muss. Nur weil irgendjemand sagt, das gehört sich nicht, muss ich mich davon nicht einengen lassen. Ich danke Dir, dass ein bisschen von Deiner Unbeschwertheit leben darf. Ich danke Dir, dass Du mir die Augen für das Große in kleinen Dingen zeigst.

“Freiheit bedeutet, dass man nicht unbedingt alles so machen muss wie andere Menschen.“ (Astrid Lindgren)

Diese Freiheit begrüßen wir jeden Tag aufs Neue in unserem zu Hause und unseren Herzen.

Reiseführer.

Plätze. Immer wieder stoße ich im Internet, in Zeitschriften oder im Fernsehen auf Familien- Ausflugsziele oder Aktivitäten. Euphorie und Freunde machen sich breit. In Gedanken sehe ich uns schon diese wunderbaren Dinge machen und diese wundervollen Orte besuchen. Aber schon nach ein paar Sekunden legt sich die Anfangseuphorie wieder und Trauer macht sich breit. Ich stelle fest, dass diese Plätze oder Aktivitäten nichts für uns sind. Nicht für meinen kleinen Michel geeignet sind. Ich stöbere gerne, immer wieder auf der Suche nach geeigneten Plätzen und Orten, an denen auch wir Spaß und ein wenig Erholung haben können. Ich bin gut geworden im „Stöbern“ und Recherchieren. Ich suche vorab nach Bildern und Informationen, wäge ab und überlege. Es macht mich traurig, dass es so wenig Informationen und Tipps über Plätze und Orte sowie Aktivitäten für besondere Kinder gibt. Wieder fühle ich mich ausgeschlossen und im Abseits der Gesellschaft. Für einen kurzen Moment. Denn nach dem Regen kommt bekanntlich die Sonne. Auch zu mir. Mein Kampfgeist wird wach und mein persönlicher Reiseführer nimmt immer mehr Gestalt an. Ich suche weiter nach geeigneten Plätzen und Aktivitäten. Ich recherchiere, wäge ab und probiere aus. Manchmal gelingt ein Ausflug und ein neuer Ort wird dem Reiseführer hinzugefügt. Dieses „Happy End“ durfte ich am Wochenende erleben. Wir haben mal wieder einen schönen Platz gefunden, der uns mit offenen Armen und Herzen aufgenommen hat. Meine Hoffnung wird größer und der Glaube an „besondere Reiseführer“ auch. Die Erkenntnis der Notwendigkeit dieser „besonderen Reiseführer“ wird immer größer und die Stimmen der Menschen immer lauter. Manchmal ist dieser Prozess so langsam und behutsam, dass man diesen nicht immer gleich bemerkt aber, wenn ich ganz leise bin, höre die die Stimmen. Ich bemerke die Veränderung. So klein und zart diese auch ist. Sie findet statt. Und wir alle sind ein Teil davon. Wir sind mittendrin. Das Netzwerk der besonderen Reiseführer wir immer größer und damit auch die Notwendigkeit. Ich glaube daran, dass unser Reiseführer irgendwann wie selbstverständlich in jedem Buchladen, in jeder Bibliothek, seinen festen Platz hat und nicht mehr wegzudenken ist.

Immer mehr.

Ich hätte Dir so gerne die Welt gezeigt. Zumindest ein Teil davon. Vielleicht angefangen bei unserer Stadt. Mein Leitsatz, unser Lebensmotto, lautet:

– Geht nicht, gibt’s nicht –

Aber auch ich stoße an Grenzen. Ich versuche so gut wie es geht, an diesem Leitsatz festzuhalten. Ich halte ihn förmlich so fest, dass er mir „eigentlich“ gar nicht aus den Händen gleiten könnte. Eigentlich und könnte, denn in letzter Zeit macht er es leider immer wieder ein bisschen mehr. Es gibt so viele Dinge, die ich Dir zeigen und erklären möchte. Ich versuche Dir vieles zu ermöglichen, Deine Abenteuerlust irgendwie zu stillen, aber es geht nicht immer. Manchmal lassen es die Begebenheiten, die Umstände, einfach nicht zu.

Du bist so ein aufgeschlossenes und lebenshungriges Kind. Du möchtest Abenteuer erleben und die Welt entdecken. Aber mache Abenteuer bleiben unentdeckt von Dir. Manche Plätze auf dieser Welt unbesucht von uns. Ich glaube für Dich ist es okay, denn Du vermisst diese Reisen oder Abenteuer nicht. Aber mir tut es weh. Dabei meine ich gar nicht die großen weiten Reisen, sondern auch die kleinen und winzigen Reisen. Manche dieser Reisen liegen direkt vor unserer Haustür. Aber sie bleiben unentdeckt. Vieles ist möglich. Aber einiges auch nicht. Das muss ich akzeptieren. Einige dieser Reisen erlebe ich mit Deinem kleinen Bruder und das ist sehr schön. Aber trotzdem fehlst Du mir auf diesen noch so kleinen Abenteuern. Auch Deine Augen möchte ich strahlen sehen. Auch Dein Kinderherz in dem bestimmten Moment glücklich wissen.

Vielleicht ist dass meine eigene Reise: Lernen zu akzeptieren. Lernen, nicht alles verändern zu können und bestimmte Dinge einfach anzunehmen. Zu akzeptieren, dass nicht immer ein

– Geht nicht, gibt’s nicht –

möglich ist. Es ist ein Prozess und ich werde dabei immer wieder an meine Grenzen stoßen. Denn schon jetzt beim Schreiben kann ich ein ABER TROTZDEM nicht unterdrücken. Denn ich werde weiterhin nach Abenteuern suchen, die möglich sind. Nach Plätzen, die von uns entdeckt und erobert werden können und wollen. Einiges ist nicht möglich aber was noch viel wichtiger ist und überwiegt ist das Gefühl, dass so vieles möglich ist. Immer mehr möglich wird.

*Auf das Akzeptieren und gleichzeichtig das immer mehr*