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Ein Kind ohne Vorzeige-Behinderung

Ich glaube weder an Schubladen noch an Klassen. Aber manchmal lehrt einem das Leben etwas anderes. Was macht man, wenn man kein Kind mit einer Vorzeige-Behinderung hat? Was macht man, wenn das eigene Kind nicht von der beliebtesten Cheerleaderin zum Prom eingeladen wird oder kein Football Star ist, der am Ende des Spieles die Möglichkeit zu einem Touchdown erhält?

“Das ist aber eine niedliche Behinderung” – Diesen Satz habe ich schon oft gehört. Glauben Sie nicht? Das kann ich mir vorstellen, aber es stimmt! Zwar nicht bei Evan aber bei anderen besonderen Kindern. Es scheint eine Klassengesellschaft der Behinderung zu geben. Die Behinderung oder besser gesagt die Behinderten scheinen in verschiedene Gruppen aufgeteilt zu sein. Die Gruppen, die ich bis jetzt entdeckt habe, sind: Die niedlichen Behinderten, die zutiefst mitleiderregenden Behinderten und die schrecklichen Behinderten zu der auch die Untergruppe „die sehen ja komplett gesund aus und sind nur falsch erzogen“ Behinderten gehören. Zu dieser Gruppe scheinen wir zu gehören. 

Es gibt behinderte Kinder und Jugendliche, die in Social Media Kanälen gefeiert werden, da sie ein gutes Beispiel für gelungene Integration und Inklusion sind. Meistens handelt es sich dabei um die “niedliche Behinderung”. Für diese Kinder gibt es eine Menge Freizeitangebote oder Veranstaltungen. Diese Kinder werden gerne in Kindergärten oder Schulen aufgenommen. Die Städte und politische Parteien loben und feiern sich beim Anschauen dieser Kanäle.

Ganz nach dem Motto: Barrierefrei in Stadt Mustermann! 

Und es gibt die Anderen. Die Kinder, die nicht im Internet zu sehen sind. Für die es keine Freizeitangebote oder Veranstaltungen noch Ferienprogramme gibt. Für die es wenig passende Kindergartenplätze oder geeignete Schulen gibt. Diese Kinder sieht man selten auf den Social Media Kanälen, da sie kein gutes Beispiel für gelungene Integration sind und sich dadurch nicht so gut im Internet präsentieren.

Es gibt Kinder, die eine unangenehme Behinderung haben. Eine Behinderung, die von der Politik oder Stadt und der Gesellschaft nicht so einfach “weggelacht” werden kann. Eine Behinderung, die nicht in einem Slogan oder Werbespot passt. Eine Behinderung, die sich nicht so gut in Reportagen oder Dokumentationen verkaufen lässt. Kinder mit dieser Behinderung, kann man nicht einfach so, mal nebenbei, inkludieren oder integrieren. Kinder mit einer nicht so niedlichen Behinderung.

Mein kleiner Michel, Evan, ist so ein Kind. Das andere Kind. Ein Kind, welches meistens durch das Raster fällt. Ein Kind, das irgendwie nirgendwo so richtig dazugehört. Ein Kind, für das es fast bis gar keine Freizeitmöglichkeiten, Ferienprogramme oder Veranstaltungen gibt. Kein Beispiel-Kind für eine gelungene Inklusion und Integration. Kein Kind, welches in einer Dokumentation in die Kamera lacht und von seinen Fußballfreunden für das Tor in der letzten Minute bejubeld und gefeiert wird.

Für mich wäre es völlig okay, wenn Evan nicht dazu gehören möchte. Er muss keine sozialen Kontakte pflegen oder Veranstaltungen besuchen, wenn er es nicht möchte. Aber er möchte. Evan ist ein kleiner geselliger Junge, der gerne Abenteuer erlebt und überall mit mischen möchte. Was aber macht man, wenn er es nirgendwo so richtig kann? Wie geht man damit um?

Ehrlich gesagt, bricht es mir das Herz. Ich wünsche mir vom tiefsten Herzen, dass es Angebote, Möglichkeiten und Chancen für alle Kinder, Jugendliche und erwachsene Personen gibt. Egal ob mit Behinderung oder ohne. Egal ob mit einer Vorzeige-Behinderung oder einer nicht so “gesellschaftsfähigen” Behinderung. Heutzutage darf es doch nicht mehr darum gehen, behinderten Menschen Mitleid entgegen zu bringen und sie nach guten und angemessen Maßstäben unterzubringen und zu beschäftigen. Es muss um die gleichberechtigte Teilhabe und Gleichberechtigung gehen. Es sollten nicht nur um die Möglichkeit der Sondereinrichtung gehen, sondern es muss möglich sein, ein Leben in Selbstbestimmung wählen zu können. Behinderte Menschen müssen wirklich integriert und nicht nur geduldet werden. Barrierfrei sollte kein besonderes Merkmal einer Stadt sein, sondern eine Selbstverständlichkeit.

Zudem darf man sich nicht nur auf die guten, werbewirksamen Beispiele konzentrieren. Die Menschen, die gut in einem Slogan passen, sondern auch hinter den Vorhang schauen. Wirklich hinschauen. Mit Eltern, den “wirklichen” Experten sprechen. Gemeinsam nach einer individuellen Lösung schauen, als nur in Schubladen oder Klassen zu denken. Ich weiß, dass es nicht mit einem Fingerschnipsen möglich ist. Dass es personelle und finanzielle Mittel und viel Zeit benötigt. Sowie die passenden Rahmenbedingungen. Aber ein offener Austausch und wirkliches Interesse an Lösungen wäre ein Anfang. Ich habe meine eigenen persönlichen Erfahrungen mit unserer Stadt gemacht und mir ist es wichtig, nicht alles schlecht reden zu wollen. Unsere Stadt hat Angebote für Menschen mit einer Behinderung aber leider nicht für alle. Für Kinder, wie Evan, die nicht in eine Formel oder eine Schublade passen, wird es schwierig. Was so viel bedeutet wie: es gibt nichts. Viele Gespräche verlaufen im Sande. Es wird nicht richtig zugehört. Außer ein freundliches Lächeln passiert nichts. Sätze wie:

“Frau Becker, denken Sie nicht, dass sie in einem Supermarkt sind und Auswahl haben. Wir suchen für sie aus.”

musste ich mir anhören. Das heißt so viel wie, wir essen jeden Tag nur noch Bohnen oder müssen hungern. Na, danke! Sozialträger, die über Evan entscheiden, ohne ihn je persönlich kennengelernt zu haben. All das sind Beispiele für eine nicht gelungene Integration. Es reicht nicht, dass es auf dem Papier Angebote für behinderte Menschen gibt, sie müssen auch in der Wirklichkeit, im echten Leben, durchsetztbar und realsierbar sein.

Trotzdem halte ich an den Glauben der Integration fest. Ich lasse ihn nicht los. Egal wie wenig ich in der Hand habe, ich lasse nicht los. Ich wünsche mir sehr, dass jeder Mensch, die Möglichkeit erhält, sich einzubringen. Eine faire Chance erhält, dass zu machen, was er möchte. Die Interessen zu verfolgen, die ihn/sie anregen und nicht durch irgendwelche Rahmenbedingungen daran gehindert werden. Ja, das ist eine Menge Arbeit. Aber es ist Zeit für Veränderung. Vielleicht noch nicht für die Großen aber zumindest für die Kleinen. Vielleicht auch erst für die ganz, ganz, kleinen Veränderungen. Aber egal wie klein und zaghaft die Veränderungen sind, es sind Veränderungen. Es ist ein Anfang.  

Mein lieber Evan, Du bist wundervoll wunderbar. Du bist geliebt, gewollt und genau richtig so wie Du bist. Bitte lass Dir nie, niemals, einreden, dass mit Dir etwas nicht stimmt. Du bist großartig perfekt so wie Du bist. Deine Mama. 

 

 

Seelenstriptease

Seelenstriptease. Sich ausziehen. In der Öffentlichkeit. Sich in der Öffentlichkeit öffentlich ausziehen. Warum mache ich das eigentlich? Nein, ich ziehe mich nicht öffentlich aus aber ich schreibe öffentlich über unser Leben und über meine Gefühle. Seelenstriptease, so könnte man es nennen. Ich stelle mir immer mal wieder diese Frage:

Marcella, warum machst Du das eigentlich? Und um ehrlich zu sein, ist es im Grunde ganz einfach:

Um aufzuklären. Um Vorurteile abzuschaffen. Um Verständnis zu erhalten und zu schaffen. Um Anderen und mir Mut zu machen. Um eine Natürlichkeit und kein Mitleid zu erwirken. Um willkommen zu sein und nicht ausgeschlossen zu werden. Um zu informieren.

So ist es, glaube ich zumindest, ganz kompakt zusammengefasst. Ich habe mit diesem Blog angefangen, als ich an einem Wendepunkt in meinem Leben stand. Ehrlich gesagt, wusste ich nicht mehr weiter. In dieser Zeit habe ich mich nur noch mit meinem selbstbedrucktem T-Shirt

“Mein Sohn ist weder frech noch bin ich überfordert. Mein Sohn ist Autist”

aus dem Haus getraut. Entweder wäre ich innerlich eingegangen oder ich wäre geplatzt – vor Wut, vor Traurigkeit, vor Verzweiflung, vor Ungerechtigkeit – und das hätte definitiv äußerlich einige Spuren hinterlassen. Ich habe mich in dieser Zeit in der Öffentlichkeit nicht mehr wohlgefühlt. Überall sind wir negativ aufgefallen und mussten uns rechtfertigen – das war zumindest mein Eindruck und Gefühl. Manchmal ging es sogar schon so weit, dass wir beschimpft und beleidigt wurden.  

Irgendwann in dieser schweren Zeit habe ich mich gefragt, wie es weitergehen kann. Welche andere Möglichkeit bleibt mir noch? Was kann ich machen, damit es mir und Evan besser ergehen kann? Und dann von heute auf morgen, habe ich mich hingesetzt und habe geschrieben. Ich habe all meine Gedanken, Gefühle, Erfahrungen, Wut, Verzweiflung, Freude und meinen Kummer auf Papier gebracht. In meinem Falle trifft es gut zu: sich den Ballast von der Seele zu schreiben. Danach fühlte ich mich befreiter. Irgendwie aufgeräumter. Es ging mir nicht auf einmal super gut, aber ich fühlte mich sortierter. Der Anfang zu unserem Blog war geschaffen. Dies wusste ich in dem Moment allerdings noch nicht, da ich diese intimen Gedanken erstmal nur für mich behalten wollte. Für mich ist es zu einem Ritual geworden, mich jeden Abend hinzusetzen und zu schreiben. Für das abendliche Schreibritual habe ich sogar Verabredungen und Veranstaltungen abgesagt. Wer mich kennt weiß, dass ich ein sehr sozialer Mensch bin – diese Entwicklung hatte also etwas zu bedeuten.   

Mit dem Schreiben fing ich automatisch an, meine Einstellung zu unserem Leben und zu Evans Behinderung zu ändern. Den Blickwinkel zu wechseln. Ich habe vorher nicht offen über Evans Behinderung sprechen können. Auf die Besonderheit angesprochen, habe ich meistens so herumgedruckst. Mich entschuldigt. Ich habe versucht dem Thema so wenig Raum wie möglich zu geben. Immer irgendwie in der Hoffnung, dass es dann von alleine verschwindet. Allerdings, wie sollte es auch anders sein, ist das Gegenteil passiert. Die Behinderung hat immer mehr Raum eingenommen. So viel, dass ich zu verschwinden drohte.

Irgendwann wurde aus offline dann online. Irgendwann habe ich mich entschlossen, meine Erfahrungen zu teilen. Ich habe an meinem Umfeld gemerkt, dass es noch anderen Menschen so ergeht wie mir. Warum also nicht meine Erfahrungen mit Anderen, Gleichgesinnten, teilen? Zudem habe ich immer mehr und mehr Fragen über Evan und über sein Verhalten gestellt bekommen. Ich habe eine große Unwissenheit, eine Beklommenheit, dem Besonderen gegenüber gespürt. 

Einen Blog über ein so intimes und persönliches Thema zu betreiben, fühlt sich oft wie ein Seelenstriptease an. Irgendwie ist man angezogen nackt. Fremde Menschen lesen private und intime Situationen aus unserem Leben aber mir war und ist es immer noch sehr wichtig authentisch zu sein. Ich möchte nicht nur – die Betonung liegt auf dem nicht nur, da ich es hin und wieder doch gerne tue – schöne Bilder posten und witzige Artikel schreiben. Schreiben wie gut es uns immer geht und wie wenig uns Evans Behinderung beeinträchtigt. Schreiben in welch einer Idylle wir leben. Schreiben, dass wir nie verzweifelt sind. Nein, ich möchte ehrlich schreiben wie es uns ergeht und was mich bewegt. Ehrlich sein und ehrlich bleiben. Oftmals habe ich dafür schon Kritik einstecken müssen und das ist völlig in Ordnung. Nicht jeder muss gut finden was und wie ich schreibe. Ich muss mich in den Artikeln wiederfinden und das mache ich immer mit dem Blick auf Evan. Bis jetzt funktioniert es für mich. Für uns. Ich versuche immer so zu schreiben, dass es in Evans Sinne ist. Ich möchte ihn nicht bloßstellen noch möchte ich ihn vorführen. Manchmal ist es ein schmaler Grat zwischen Ehrlichkeit und Vorführen. Aber ich habe mich entschieden diesen Weg der Öffentlichkeit zu gehen. Ich fühle, dass es unser Weg ist. Ich fühle, dass Evan mich bei jedem Artikel trägt und meine Hand hält. 

Ich möchte Menschen mit meinen Artikeln erreichen. Ich möchte Ihnen zeigen, wie das Leben mit einem behinderten Kind ist. Nicht immer einfach, manchmal zum Erschöpfen, hin und wieder zum Verzweifeln aber immer mit voller Liebe und Hingabe. Evan ist ein wunderbarer Mensch, der sich nicht durch seine Besonderheit auszeichnet. Er ist so wie er ist. Ich würde mir Evan keinen Moment dieser Welt anders wünschen. Das meine ich völlig ehrlich. Ich wünsche mir hin und wieder andere Rahmenbedingungen aber sich Evan anders vorzustellen, ist für mich undenkbar. Jeden Tag aufs Neue betrachte ich diesen wundervollen Junge mit Liebe. Er hat mir viele andere Seiten des Lebens gezeigt, die ich sonst nie zu Gesicht bekommen hätte. Das mag alles wie in einem Kiosk Taschenbuchroman für einen Euro klingen, aber es ist mein völliger ernst. Egal wie anstrengend der Tag auch war, am Abend bin ich unendlich dankbar, dass ich Evan in meinem Leben habe.

Ich habe einen Wunsch für Evan. Ich möchte, dass Evan so akzeptiert und respektiert wird wie er ist. Ich wünsche mir, dass nicht seine Behinderung, sondern seine Persönlichkeit im Vordergrund steht. Ich wünsche mir, dass Menschen Wege finden, um mit Evan zu kommunizieren und ihn nicht ausschließen. Ich wünsche mir, dass Evan erwünscht ist und nicht ertragen wird. Ich wünsche mir für Evan, dass er nicht nur aus schlechtem Gewissen miteinbezogen wird, sondern eine Bereicherung für die Menschen ist. Ich wünsche mir, dass Evan die gleiche faire Chance erhält wie andere Kinder in seinem Alter. Ich wünsche mir, dass Evan als junger Mann ein selbstbestimmtes und menschenwürdiges Leben leben kann.

Wenn ich nur einen Menschen mit meinen Artikeln erreiche, einen Menschen, der offen auf Evan oder andere Menschen mit einer Behinderung zugeht und versucht hinter die Fassade zu blicken, dann habe ich mein Ziel erreicht. Dann bin ich glücklich. Jeder Mensch hat eine Würde und das Recht so angenommen zu werden wie er/sie ist. Der menschliche Wert darf sich nicht durch seine gesellschaftliche Leistung definieren. Jeder trägt auf seine Weise zu der Gesellschaft bei und das hat rein gar nichts mit seiner sichtbaren Leistung zu tun. Ich möchte nicht den Glauben an die Menschheit verlieren. Das Schreiben hilft mir dabei. Sehr sogar. Und ganz ehrlich, dafür ziehe ich mich gerne aus!

In diesem Sinne, auf die nackten Tatsachen, die je nach Lichteinfluss, manchmal ein kleines bisschen mehr schön und manchmal ein kleines bisschen weniger schön anzusehen sind – aber immer einen ehrlichen Blick auf das Leben geben.

Herzlichst, Marcella

 

 

Hallo Angst, ich heiße Dich willkommen!

Es ist früh am Morgen und ich höre ein Klopfen. Erst ganz leise und dann wird es immer lauter. Ich versuche wegzuhören aber ich schaffe es nicht. Ich drehe mich um und versuche wieder einzuschlafen. Klopf. Klopf. Man kann es nicht ignorieren. So gut ich es auch versuche, ein Klopfen bleibt ein Klopfen. Ich stehe auf und gehe langsam zur Tür. Immer noch in der Hoffnung, dass ich mich verhöre aber das Klopfen wird lauter. Ich mache die Tür auf und die “Angst” begrüßt mich freudestrahlend. Ohne mich zu fragen, stürmt sie herein und macht es sich direkt auf meinem Sessel in der Küche gemütlich. Sie fragt gar nicht erst, ob sie einen Kaffee darf, sie macht sich ihn direkt selber. Ganz selbstverständlich sitzt sie da und trinkt genüsslich ihren Kaffee. Ich setze mich dazu und höre zu wie sie erzählt. Ich komme gar nicht erst zu Wort. Ich werde nichts gefragt. Sofort wird mir bewußt – so schnell werde ich sie nicht wieder los.  

Evans Herzfehler rückt durch seine andere Besonderheit sehr oft in den Hintergrund. Manchmal vergesse ich seinen Herzfehler in unserem Alltag sogar. Aber nur manchmal. Denn es gibt auch diese anderen Tage. Tage, an denen die Angst und die Sorgen zurückkehren. Leise an die Tür klopfen. Ganz bedacht und zurückhaltend – denkt man. Denn in der Wirklichkeit ist die Zurückhaltung eher Schein. Das leise Klopfen eher scheinheilig. Durch ihr zurückhaltendes aber aufdringliches Klopfen gewähren sich die Angst und die Sorge eintritt. Sie sitzen auf meinen Schultern und verweilen dort. Egal wie sehr ich mich wehre, sie bleiben da. Sie nisten sich ein. Sie machen es sich gemütlich.

Ein kleines Husten, ein leichter Schnupfen und schon sind sie da. Die Angst und die Sorgen. Von jetzt auf gleich wird mir wieder bewusst, dass Evan nur mit einem halben Herzen lebt. Auf einmal fallen mir seine blauen Lippen und seine blauen Fingernägel auf. Er sieht blass aus. Ist er vielleicht krank? Geht es ihm gut? Was macht sein Herz? Das Gedankenkarusell fängt an sich zu drehen. Ich bin Fahrgast, ohne dass ich es wollte. Ich habe weder bezahlt noch habe ich mich angestellt aber ich bin mitten auf dem Karussell und kann nicht absteigen. Runde um Runde dreht es sich weiter. Umso mehr ich versuche die Angst und die Sorgen wegzudrängen, umso gemütlicher machen sie es sich auf meinen Schultern.

Er isst zu viel Schokolade – er muss sich gesünder ernähren. Er will seine Jacke nicht anziehen – er wird sich erkälten. Der Weg ist zu weit – das schafft sein Herz nicht. Er bewegt sich zu viel – er übernimmt sich. Er hustet – er darf keine Lungenentzündung bekommen. Er hat nicht gut geschlafen – das wird zu anstrengend für ihn. Es regnet – er wird sicherlich frieren. 

Evan lebt mit einem halben Herzen. Ein halbes Herz für ein ganzes Leben. Passt das? Hält sein halbes Herz ein ganzes Leben? Diese Fragen, versuche ich zu verdrängen. Ich möchte ihnen keinen Platz in meinem, unserem Leben, geben. Aber sie kommen immer mal wieder auf. Dann schaue ich mir Evan an und habe große Angst. Dann mache ich mir Sorgen und schon klopft es an der Tür. Immer und immer wieder. Es bleibt mir nichts anderes übrig, ich muss öffnen. Schon drängen sich die Angst und die Sorge an mir vorbei und gehen schnurstracks in die Küche, direkt auf den Sessel. Direkt mit einem Kaffee.

Ein Kind mit einer lebensverkürzenden chronischen Erkrankung zu haben, beeinträchtigt das eigene Leben in allen Bereichen. Heutzutage ist die Medizin zum Glück schon so weit, dass Evans Herzfehler sehr gut zu behandeln und die Lebenserwartung enorm gestiegen ist aber ein halbes Herz bleibt ein halbes Herz. Egal wie man es betrachtet. Ich versuche alles, wirklich alles, dass Evan sich gut entwickelt. Ich möchte ihm alles mit auf dem Weg geben was er körperlich benötigt, um sich gut zu entwickeln. Und glauben Sie mir, das ist nicht immer einfach mit Evan. Gesundes Essen ist schon eine enorme Herausforderung. Ganz zu schweigen von Zahnarzt- und Arztbesuchen. Es ist einfach furchtbar, immer mit diesen Sorgen und Ängsten zu leben. Egal ob es eine kleine Erkältung oder ein leichter Husten ist, sofort sorge ich mich um Evans Leben. Sofort male ich mir das Schlimmste aus und der Herzfehler kommt mir vor wie ein riesengroßer Fels. Die Bedrohung ist überall zu spüren. Aus der coolen Löwenmutter wird ein ängstliches Häschen.

Sich zu verkriechen, das habe ich lange Zeit gemacht. Ich habe den Ängsten und Sorgen durch meine Verdrängungstrategie immer größeren Raum gegeben. Umso mehr ich diese verdrängt habe, umso größer und schrecklicher wurden sie. Es wurde so schlimm, dass ich eine Zeit lang nicht mehr schlafen gehen wollte. Denn am Abend und in der Nacht wurden meine Dämonen am Größten. Dann sind sie über sich hinaus gewachsen und ich konnte ihnen nicht mehr entgegentreten. Ohne ein Hörbuch und einen Film (ohne Ton) konnte ich sehr lange nicht in den Schlaf finden. Sobald ich die Augen zugemacht habe, saß ich auf dem Karussel und konnte nicht mehr absteigen.

Ich wünsche mir von Herzen, dass Evan gesund ist und bleibt. Ich wünsche mir, dass sein halbes Herz ein Leben lang ausreicht. All diese Dinge wünsche ich Evan aber ich kann sie nicht beeinflussen. Es liegt nicht in meiner Hand. Ich kann nur auf Gott vertrauen und diese Wünsche immer und immer wieder in mein Gebet mit einschließen. Was ich allerdings beeinflussen kann, ist mein Handeln und mein Denken. Anstatt das Klopfen zu ignorieren, kann ich der Angst und der Sorge entgegentreten. Mittlerweile kann ich Ihnen die Tür aufmachen und sie begrüßen. “Hallo! Schön, dass ihr mal wieder vorbeikommt.” Ich kann sie in die Küche bitten und Ihnen einen Kaffee anbieten. Umso ehrlicher ich ihnen entgegen trete, umso schneller sind sie wieder weg. Ich kann die Unterhaltung leiten und lenken und nicht andersherum. Natürlich gibt es auch noch die anderen Tage. Tage, an denen ich sie nicht freundlich begrüßen möchte und sie mir wieder so unendlich groß erscheinen und mich zu erdrücken versuchen. Aber ich lerne dazu. Ganz langsam. Ganz behutsam. Aber ich lerne. Ich versuche mich nicht mehr, von meinen Ängsten und Sorgen beherrschen zu lassen. Mittlerweile benötige ich nur noch ein Hörbuch. Manchmal geht es sogar ohne.

Evans Herzfehler gehört zu seinem und damit auch unserem Leben. Er ist ein Teil von ihm, von uns. Ich möchte, dass Evan ganz selbstsicher groß und erwachsen wird ohne von Ängsten und Sorgen geplagt zu sein. Ich möchte, dass er sich Dinge zutraut und keine Angst vor dem Leben und seinem Herzen hat. Ob ein halbes Herz für ein ganzes Leben reicht, diese Frage vermag ich nicht zu beantworten. Evan lebt jetzt, heute, was die Zukunft bringt, das wissen wir nicht. Das wissen wir weder für Evan noch für mich. Das können wir nicht beeinflussen. Aber das Heute, das Jetzt, das können wir beeinflussen. Wir erleben Abenteuer und wir umarmen das Leben. Wir tanzen im Regen und springen in Pfützen – auch mit der Gefahr einer Erkältung. Wir heißen das Leben mit all seinen Facetten willkommen! Jeden Tag aufs Neue.

 

 

Mit all Euren Farben.

Ich ertappe mich dabei wie ich Dich beobachte. Wie ich schaue was Du wie machst und wie Du was machst. Ich bin begeistert und sprachlos. Du verstehst schon so viel. Du bist mein zweites Kind aber diese Erfahrungen mache ich zum ersten Mal. Manchmal kann ich gar nicht begreifen, wie Du schon so viel verstehen kannst. Wie ist das möglich? Du entdeckst Deine Welt und ich darf daran teilhaben. Oft geht das im unserem Alltag unter. Zwischen dem Arbeiten und unseren vielen Terminen bleibt nicht viel Zeit. Aber in manchen Momenten, in diesen ganz besonderen Momenten, schaue ich genau hin und bin sprachlos. Mit Dir ist so vieles anders als mit Deinem besonderen großen Bruder. Es gab eine Zeit, in der war ich sehr traurig, da ich immer mehr Dinge entdeckte, die Du kannst aber Dein großer besonderer Bruder nicht. Irgendwie tat es neben der Freude, dass Du wieder etwas Neues entdeckt hast, auch jedes Mal weh. Eine kleine oder etwas größere Enttäuschung schlich sich immer wieder ein. Es gibt Dinge, die Du mit Deinen 15 Monaten schon kannst, die Dein großer Bruder auch heute noch nicht für sich entdeckt hat.

Warum macht mich das eigentlich traurig? Woher kommt diese Enttäuschung? Macht es mich traurig, weil es meine Erwartungen an Deinen großen besonderen Bruder sind? Liegt es an der heutigen Gesellschaft, in der es immer mehr darum geht, was ein Kind wann kann oder können sollte? Wann habe ich aufgehört auf meine eigenen Gefühle zu hören und den Erwartungen die Tür zu öffnen?  

Letztens, irgendwann, saß ich auf unserem Sofa und schaute Euch beiden beim Spielen zu. Und auf einmal hat sich noch ein Gefühl eingeschlichen: Freude. Freude über Euch, meine beiden wundervollen Kinder, so unterschiedlich ihr auch seid. Ganz nebenbei habe ich Deinen großen Bruder gesehen wie glücklich er mit seinen Tieren spielt. So ganz anders als Du.

Du magst Deinem großen Bruder bald einiges voraushaben. Ich hoffe, dass Du ihm Deine Welt zeigst und er von Dir lernen kann. Aber weißt Du was? Ich hoffe, dass Du auch viel von Deinem großen Bruder lernen wirst. Denn er hat einigen Menschen schon jetzt etwas Essenzielles voraus: die pure Freude am Leben. In jedem Gegenstand, in jeder Situation, findet er sein Glück. Egal ob er mit einer Bratpfanne oder Klobürste (unbenutzt) spielt. Er verstellt sich nicht, um anderen Menschen zu gefallen, sondern gibt sich so wie er ist. Mit all seinen Facetten. Mit all seinen Farben.

Ihr Beide strahlt in Euren eigenen, ganz besonderen Farben. Es bringt nichts diese zu vergleichen, denn man kann sie einfach nicht vergleichen. Das habe ich jetzt verstanden und dafür bin ich dankbar. Nicht besser. Nicht schlechter. Sondern einfach anders. Es muss nicht immer besser oder schlechter sein. Anders trifft es in unserem Falle sehr gut. Es sind meine Erwartungen an Euch, die mich traurig machen. Ihr glänzt in Euren ganz eigenen Farben. Jeder auf seine Weise und jeder wunderschön. Einzigartig.

Erwartungen machen meistens traurig, da sie größtenteils nicht erfüllt werden. Warum muss ein Kind mit dem Erreichen eines bestimmten Alters etwas Bestimmtes können müssen. Jedem Kind sollte doch erlaubt sein, sein eigenes Tempo zu haben und genau in diesem Tempo begleitet und unterstützt zu werden. Hat der Wert meines Kindes mit seinem Können und seinen Fähigkeiten zu tun? Ist mein Kind weniger wert, weil es etwas nicht kann? Ich glaube nicht. Seitdem ich mich von meinen und den gesellschaftlichen Erwartungen gelöst habe, geht es mir besser. Ich habe die Erwartungsbrille abgenommen und wißt ihr was passiert ist? Auf einmal sehe ich klarer und erkenne wie wundervoll meine beiden Kinder sind. Wir sehr sie glänzen und strahlen. Ganz unterschiedlich aber wunderschön.

Liebe Mütter, liebe Väter, lasst Euch nicht blenden von Euren oder den gesellschaftlichen Erwartungen was Euer Kind wann und wie können müsste. Jedes Kind ist einzigartig speziell und glänzt in seinem ganz eigenem Licht.

*Über sich hinauswachsen*

Urlaub. Normalerweise freut man sich auf diese besondere Zeit im Jahr. Kann es kaum erwarten, bis es wieder soweit ist und man in den Urlaub fahren kann. Bei mir lag die Urlaubsfreude vor ein paar Tagen gleich bei Null.  Ich habe mich nicht gefreut, für ein paar Tage wegzufahren. Warum? Ganz einfach, weil eine Person in diesem Kurzurlaub fehlte. Evan. Mein Evan war nicht dabei. Ich habe mich dafür entschieden, ihn nicht mitzunehmen, da ich wusste, dass dieser Kurzurlaub nichts für Evan wäre. Es kein Urlaub für mich wäre, wenn Evan dabei wäre. Diese Erkenntnis, Einsicht, schmerzt. Ein Kind bewusst zurückzulassen. Ein Kind bewusst zurücklassen zu müssen, um sich einmal zu erholen. Zu dieser Erkenntnis gesellt sich dann noch schnell und gerne das schlechte Gewissen (mein seid Jahren treuer, sehr treuer, Freund) und die Frage: “Ist es okay, seine eigenen Bedürfnisse über die meines Kindes zu stellen?” Mein Verstand  und viele meiner lieben Mitmenschen sagen ganz klar: Ja! Aber mein Herz? Mein Herz sagt etwas anderes. Es mag für viele Leute albern oder übertrieben klingen, aber mir ist es extrem schwer gefallen, meinen Kurzurlaub zu genießen. Meine Gedanken waren oft, sehr oft, zu Hause, bei Evan. Ich habe mich hin und her gerissen gefühlt. Oft habe ich gedacht, dass könnte Evan jetzt machen, um mir im nächsten Moment direkt wieder vorzustellen, in welchem Chaos, in welcher Anstrengung, das für mich, für uns, enden würde. Egal wie sehr ich es drehe oder es mir wünsche, dieser Urlaub wäre nichts für Evan gewesen. Evan hatte seinen eigenen kleinen Kurzurlaub bei seinen Großeltern und es erging ihm sehr gut. Nichtsdestotrotz schmerzt es mich, Evan nicht mitnehmen zu können. Einen Urlaub zu dritt zu machen, obwohl wir zu viert sind. Das fühlt sich einfach nicht richtig an. Dieses Gefühl blieb bis zum Ende meines Kurzurlaubes bestehen. Aber ich habe durchgehalten. Warum? Für mich. Ich habe eingesehen, dass es wichtig ist, Kraft zu tanken, um wieder gestärkt in den Alltag gehen zu können. Für mich war es wichtig, bei meiner Entscheidung zu bleiben und diese bis zum Ende durch zuziehen und die Gefühle auszuhalten. Für mich. Für Evan. Und ich habe es geschafft. Ich bin wieder ein Stückchen höher auf meinem kleinen Lebensturm der Gefühle gekommen. 

Ob ich nochmal in den Kurzurlaub fahren werde? Ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Ich glaube im Moment reicht erstmal ein Tagesurlaub. 

Immer noch kein Kreis.

Ein Dreieck passt nicht in einen Kreis: Ein Thema, welches mich schon seit langem beschäftigt. Nicht das Dreieck, nicht der Kreis. Sondern muss das Dreieck in den Kreis passen? Ich fühle mich oft nicht der Gesellschaft zugehörig. Wir sind das Dreieck und die Gesellschaft ist der Kreis. Besser gesagt, Evan ist das Dreieck. Ich bin etwas dazwischen. Ich bin formbar, mal bin ich mehr Kreis mal bin ich mehr Dreieck – aber immer so dehnbar, immer so flexibel beides sein zu können. Evan? Evan ist ein Dreieck. In manchen Momenten schafft er es kurz ein Kreis zu sein, um gleich im nächsten Moment in seine alte Form zu wechseln: dem Dreieck.

Was ich damit sagen möchte? Muss oder sollte ein behindertes Kind sich anpassen, um gesellschaftsfähig zu sein? Und wenn ja, in wie weit? Vor ein paar Jahren hätte ich diese Frage mit einem klaren Nein beantwortet. Ich habe großen Wert darauf gelegt, dass Evan so sein kann wie er ist. Dass er sich genauso entfalten kann wie sein Wesen es ihm vorgegeben hat. Heute würde ich diese Frage nicht mehr so klar und eindeutig beantworten können. Eine Tatsache möchte ich an dieser Stelle aber ganz klar betonen:

Evan ist ein toller Junge genauso wie Gott ihn geschaffen hat. Ich liebe Evan so wie er ist. Für mich ist er perfekt unperfekt.

Nichtsdestotrotz merke ich immer mehr, umso älter Evan wird, wie schwierig es für uns wird. Ich kann seine “Anfälle“ nicht mehr so gut überspielen wie früher. Ich kann sein Verhalten nicht mehr kompensieren. Hinzu kommt, dass Evans Behinderung nicht sofort erkbennbar ist, er trägt kein klares Aushängeschild für seine Besonderheit. Wir werden mittlerweile immer schneller und auch härter verurteilt. Das kann mir doch egal sein? Ja, vielleicht aber so einfach ist es leider nicht. Wenn man ständig unangenehm auffällt, ständig bösen Blicken und auch Kommentaren ausgesetzt ist, macht dieser Zustand etwas mit einem. Ich bin eine starke Löwenmama und habe ein dickes Fell aber auch das dickste Fell wird irgendwann spröde. Verlieht an Glanz. Meine Seele wird immer labiler, immer angreifbarer.

Zu dem Aspekt der Labilität gesellt sich aber auch noch ein anderer, die Einsamkeit. Die Ausgrenzung. Die Isolierung. Für mich, für mein gesundes Kind und auch für mein besonderes Kind. Ein kurzer Besuch in einer Eisdiele kann schon zu einer nicht endenden Anstrengung werden. Jetzt könnte man argumentieren, dass wir ja nicht in eine Eisdiele fahren müssen. Das mag vielleicht stimmen – obwohl ich auch ein Anrechtsgefühl auf Freizeit empfinde. Aber es gibt Dinge, die kann man nicht umgehen. Wir müssen einkaufen, zur Post, zum Arzt, zum Amt oder zur Apotheke. Ich könnte noch etliche Dinge aufzählen aber ich glaube Sie haben verstanden worum es mir geht. 

Oftmals macht es uns das Umfeld, die Gesellschaft schwer. Aber nicht immer. Oft sind die Begebenheiten gut, die Menschen verständnisvoll und trotzdem funktioniert es nicht, da Evan sich nicht den Umständen entsprechend verhalten will oder auch kann. Es gibt auch bei Inklusion Grenzen, an die Evan sich halten muss. Aber was macht man mit einem Kind, für den es sogar schwer ist, sich an diese Grenzen und Umstände zu halten? Evan bekommt viele Therapien, immer mit dem Blick in die “nicht-übertherapiert-werden-Richtung“. Schon lange habe ich über Medikamente nachgedacht. Immer mal wieder habe ich die Gedanken zugelassen. Am Anfang kurz und dann immer etwas länger bis ich zu dem Entschluss gekommen bin, es auszuprobieren. Ganz langsam, ganz behutsam und natürlich in genauer und überwachter Absprache mit Ärzten und Therapeuten. Mein Ziel ist dabei nicht, Evans Wesen zu verändern oder ihn ruhig zu stellen. Ich wünsche mir, dass seine Anfälle weniger werden. Die Spitzen etwas gekappt werden. Man kann es sich wie in einem Storm auf dem Meer vorstellen: Ich wünsche mir, dass seine Wellenspitzen etwas abflachen. Er etwas kompromissbereiter wird. Dabei geht es mir nicht darum, gut mit Evan in einer Eisdiele sitzen zu können. Nein, es geht darum den Tag zu überleben und den Alltag zu stemmen. Es uns beide etwas einfacher zu machen.

Evan ist ein geselliger kleiner Junge und möchte oft dabei sein. Er möchte Abenteuer erleben und an Aktivitäten teilhaben. Es schmerzt mich, zu sehen, wie er oft an einfachen Dingen scheitert und dann traurig und wütend wird. Wenn die Medikamente es ihn ermöglichen, ihn dabei unterstützen, an diesen Aktivitäten teilzuhaben, dann möchte ich es wenigstens versuchen. Für Evan. Für meinen kleinen Michel.

Ich hagere immer noch sehr mit dem Gedanken der Anpassung. Wie viel ist gut? Wie viel ist möglich? Ich bin kein Fan, kein Unterstützer (ja, sogar Gegner) von Umerziehung. Evan soll sich so entfalten können wie er möchte. Es liegt mir fern sein Wesen, seinen Charakter zu ändern, nur damit es uns ermöglicht, an gesellschaftlichen Begebenheiten teilzunehmen. Es ist mir egal, wenn wir aufallen, weil Evan wieder unsere Staubsauger zum Sparziergang mitgenommen hat oder er auf unserer Reserveklobürste, unbenutzt versteht sich, glücklich und unbeschwert die Vogelhochzeit trällert. Allerdings kann und möchte ich uns nicht isolieren.  Das Nötigste, das Wesentlichste, muss einfach funktionieren. Ich versuche schon so gut es eben geht, zu planen und zu organisieren. Immer mit den Gedanken bei Evan. Wie viel kann er ertragen. Allerdings gibt es oft Momente, die nicht planbar sind. Ich habe das Beitragsbild bewußt ausgewählt, weil es für mich, unser Leben, Evans Leben, sehr gut wiederspiegelt.

Wie viele Stufen muss, sollte, Evan von seinem eigenen kleinen Waldtürmchen der Welt entgegenkommen? Was geht und was geht nicht? Was ist zu viel und was ist möglich. Was ist vertretbar? 

Manchmal keimt der Rebell in mir auf und das Bild “Evan und ich gegen den Rest der Welt” entfacht in meinen Gedanken. Dann wird die Anpassung klein und ich kämpfe barfuß und mit Staubsaugern und Klobürsten im Gepäck gegen die Welt und gegen die Anpassungen. Und dann gibt es die anderen Tage. Die Tage, an denen ich mir einfach etwas mehr Normalität und Anpassung wünsche. 

Mich macht es wütend und traurig, wenn Mitmenschen zu einfach, zu schnell, über die Thematik der Anpassung urteilen, ohne sich einen tiefgreifenden Einblick in die gesamte Situation zu machen. Es gibt mehr als nur schwarz oder nur weiß. Oftmals liegt die Wahrheit oder die Lösung irgendwo dazwischen. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir Eltern alle das Beste für unsere Kinder möchten und mir liegt es fern über andere Familien zu urteilen. Ich gebe mein Bestes und wenn ich mehr geben könnte, würde ich es tun.

Mein lieber Evan, wenn Du dies irgendwann lesen solltest, möchte ich, dass Du weißt, dass Deine Mama Dich so liebt wie Du bist. Du bist ein wundervoller, einzigartiger Mensch. Du bereichst mein Leben und ich werde Dich immer unterstützen und Dir zur Seite stehen. Auch mit spröden Löwenhaaren. In Liebe, Deine Mama

 

Unser Sommer alias “Nicht so wie ich es mir vorgestellt habe”

Der Sommer 2018 war schwierig für mich. Warum gerade dieser? Das wüsste ich auch gerne. Vielleicht war es auch nicht der Sommer direkt, der es mir schwer machte sondern die Vorstellungen wie dieser Sommer gefüllt und gestaltet werden sollte. Schon bevor die Sommerferien begonnen haben, habe ich direkt oder indirekt mitbekommen wie Freunde, andere Familien, Arbeitskollegen und Bekannte dabei waren, Ihren Sommer zu füllen. Ihre Urlaube und Ausflüge zu planen und zu buchen. Ich wurde immer leiser und habe so gut es ging weggehört – bis ich irgendwann nicht mehr weghören, es nicht mehr verdrängen, konnte. Die Traurigkeit und Enttäuschung waren einfach zu groß. Ich wollte auch gerne in den Urlaub fahren oder aufregende Ausflüge mit meiner Familie unternehmen. Ich hatte das Bedürfnis unsere Urlaube bis ins kleinste Detail zuplanen und die Vorfreude auf den Urlaub zu genießen. Aber alle Ideen, wie wir unseren Urlaub verbringen könnten, wurden im nächsten Moment sofort erschlagen. Erschlagen von der Realität. Wenn Illusion auf die Realität trifft, so in etwa fühlte es sich an. Ich habe in den letzten Jahren immer viel ausprobiert. Oft, sehr oft, eigentlich immer, bin ich dabei über meine Grenzen gegangen und habe Urlaub vom Urlaub gebraucht. Ich muss mittlerweile gut mit meinen Kräften haushalten und werde immer sorgsamer was und was nicht geht. Leider geht mit der Zeit immer weniger.

Mit einem, meinem, behinderten Kind in den Urlaub zu fahren oder Ausflüge zu unternehmen ist sehr schwierig. Wenn ich ganz ehrlich mit mir selber bin, ist der erholsamste Urlaub zu Hause, in den eigenen vier Wänden. Aber dieses Jahr habe ich eine innerliche Unruhe verspürt. Ans Haus gefesselt zu sein, nicht frei entscheiden zu können wo wir unseren Urlaub verbringen, war sehr schwer für mich. Ich habe mich mal wieder ausgeschlossen gefühlt. Ich habe wieder den Stempel:  „Nicht dazugehörig – außen vor“ auf meiner Stirn gesehen. Zu diesem Stempel gesellte sich dieses Jahr aber noch ein Anderer. Ein Stempel, der mir dieses Jahr, diesen Sommer, viel mehr zu schaffen machte. Der Stempel: Ungerecht.

Mir ist es wichtig an dieser Stelle zu betonen, dass ich mir darüber im Klaren bin, dass es viele Familien gibt, die aus den verschiedensten Gründen nicht in den Urlaub fahren können. Mir geht es bei meinen Urlaubsgedanken auch nicht um den 5 Sterne Urlaub im Ausland, sondern um die Freiheit entscheiden zu können was wir machen. An manchen Tagen ist es noch nicht einmal möglich den Spielplatz im Ort aufzusuchen. Ganz zu schweigen von irgendwelchen Sommerurlauben oder Ausflügen. Zu meiner innerlichen Unruhe kommen zudem noch die Schuldgefühle. Schuldgefühle meinem besonderen Kind keinen Urlaub zu ermöglichen, der möglich ist. Evan liebt Ausflüge und Urlaube. Evan liebt das Meer und das Übernachten in anderen Unterkünften. Aber viele äußere Umstände machen es einfach unmöglich zu verreisen. Glauben Sie mir, wenn ich schreibe, dass ich Möglichkeiten über Möglichkeiten in Betracht gezogen habe, um am Ende doch wieder gedanklich sagen zu müssen:

Marcella, das wird nicht klappen! Sei vernünftig.

Am Ende hat die Vernunft (Vernunft- ein Wort welches ich gerne in meinem Leben streichen würde) diesen Sommer gesiegt. Wir sind nicht weggefahren. Zumindest nicht so wie ich es mir vorgestellt habe.

“Nicht so wie ich es mir vorgestellt habe” bezeichnet unseren Sommer 2018 ganz gut. Aber wissen Sie was an “Nicht so wie ich es mir vorgestellt habe” gut ist? Es beinhaltet, dass es noch ein “anders” gibt. So schwer und traurig dieser Sommer auch für mich war, habe ich mal wieder gemerkt, dass es noch mehr als “nicht so wie ich es mir vorgestellt habe” gibt. Es gibt immer, so kitschig dies jetzt klingen mag, einen anderen Weg, in meinem Falle, eine andere Vorstellung. Ich bin diesen Sommer an meine Grenzen gekommen und das ist gut und wichtig so. Warum? Um meine Grenzen neu ordnen zu können und neue Möglichkeiten zu erschaffen. Auch wenn diesen Sommer nicht vieles ging, ging doch einiges. Wir haben uns unser eigenes kleines Paradies inklusive Pool und Gartenübernachtungen zu Hause erschaffen. Wir haben Ausflüge ans Meer, an den See und in den Vergnügungspark gemacht – in diesen Fällen habe ich das Wort Vernunft wirklich aus meinem Wortschatz gestrichen. An diesen Tagen bin ich bewusst über meine Grenze gegangen, aber nur mit dem Wissen, die nächsten Tage meine Energiefässer wieder zu Hause füllen zu können.

Unser Sommer 2018 war anders. Anders als ich ihn mir vorgestellt habe. Anders schön. Das soll jetzt kein kitschiges Märchen Happy End werden, nach dem Motto Ende gut alles gut. Nein, es ist nicht alles gut. Ich bin weiterhin sehr traurig, dass in unserer Familie vieles was für andere Familien ganz normal ist, so für uns nicht möglich ist. Aber mir ist auch klar geworden, dass das zum Leben dazugehört. Nur weil andere Familien Dinge machen können, heißt es nicht, dass wir dies auch automatisch können. Das ist das Leben, mit all seinen Facetten. Es ist nicht immer alles gerecht und gut aber ich kann Ihnen versichern, dass es anders gut ist. Ich bin glücklich mit unserem Sommer 2018 und ich hoffe sehr, dass meine Kindern das gleiche Gefühl haben. Ich versuche zu schauen und zu erörtern was möglich ist und was geht. Nächstes Jahr wird es wieder anders sein. Wie anders? Das weiß ich noch nicht. In diesem Sinne auf das Leben mit allen seinen wunderbaren und wundervollen und manchmal auch ungerechten Facetten. 

Aufklärung.

Aufklärung. Auf Menschen zugehen, bevor sie weggehen. Menschen aufklären, bevor sie verurteilen. Menschen informieren, bevor sie falsche Informationen beziehen.

Ich überlege oft wie viel ich von unserem Privatleben preisgeben kann und darf. Wie viel darf ich von Evan erzählen. Über welche Themen darf ich schreiben? Bevor ich unseren Blog angefangen haben, habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, ob es für Evan okay ist. Manchmal stelle ich mir die Frage immer noch. Ist es okay für ihn? Ich versuche so ehrlich wie möglich zu sein, ohne dabei zu sehr in bestimmte Details zu gehen. Es gibt Themen, über die schreibe ich nicht. Alles andere versuche ich zu beschreiben und zu erklären. Ich bin den Weg der Aufklärung gegangen. Ich habe mich entschieden, einen Blog über unser Leben, über Evan, ins Leben zu rufen und ich würde es immer wieder so machen. Unser Leben ist sowieso “alles andere als normal”. Warum dann nicht darüber schreiben. Ich hoffe, dass Evan eines Tages seinen, unseren Blog, durchlesen kann und ich hoffe noch mehr, dass es ihm gefällt und dass es in Ordnung für ihn ist.

Mach’s gut, liebste Omi.

Liebste Oma,

bei Deinem 80. Geburtstag habe ich Dir ein kleines Gedicht vorgetragen. Gerne hätte ich Dir heute wieder etwas Schönes und Fröhliches  vorgetragen– stattdessen stehe ich hier und bin unendlich traurig. Traurig, weil Du nicht mehr da bist. Aber mir ist es eine Herzensangelegenheit Dir auch heute etwas vorzutragen und Dich und Dein Leben zu ehren. Denn Du bist es Wert, geehrt zu werden und Dich in Ehren zu halten.

Du warst ein wundervoller, offener, lustiger und besonders liebenswerter Mensch. Ich weiß, diese Dinge hört man meistens bei einer Abschiedsrede aber liebe Oma, glaube mir, für mich warst Du ein ganz besonderer Mensch. Du warst und bist ein Stück Heimat. Ich habe mich immer so wohl bei Dir gefühlt. So viele Stunden haben wir zusammen in Deiner Küche verbracht. Wir haben gekniffelt, Kaffee getrunken, gepuzzelt, Kreuzworträtsel gelöst oder einfach nur geredet. Ich erinnere mich sehr gerne an diese wunderschöne Zeit zurück. Egal ob ich traurig, müde oder wütend war, Du hast mich so angenommen wie ich bin. Das liebe Oma, habe ich ganz besonders an Dir geschätzt. Dass ich so sein durfte wie ich bin. Deine witzige, manchmal kindliche Art hat mich in vielen schlechten Stunden aufgeheitert. Liebe Oma, ich danke Dir zudem für Deine Gastfreundschaft. Egal wann ich geklingelt habe, egal wie ungünstig es gerade war, Du hast mich immer willkommen geheißen. Wie oft wusste ich nicht wohin ich fahren sollte, da es mit Evan so schwierig ist. Bei Dir waren wir immer willkommen. Du hast meinen kleinen Michel Evan so genommen wie er ist und warst ihm eine großartig liebevolle Urumoa- dafür liebe Oma, danke ich Dir von Herzen.

Liebe Oma, jetzt bist Du nicht mehr da. Wir können nicht mehr zusammen in Deiner schönen Küche sitzen oder zu Arkenau fahren, um einen Kaffee zu trinken. Wir können nicht mehr zusammen mit Evan und Noah Blödsinn machen. Wir können nicht mehr zusammen singen, witzige Videos drehen oder auf der großen Höhe ein Picknick machen und dabei lauthals der Kuckuck und der Esel singen.  Dinge, die für mich selbstverständlich waren, sind es auf einmal nicht mehr. Du warst für mich selbstverständlich. Du warst immer da. Mein ganzes Leben warst Du da. Ich musste nur in Deine Straße fahren und Du hast die Tür aufgemacht. Und jetzt? Jetzt bist Du nicht mehr da. Und ich dachte immer, wir hätten noch viel Zeit und könnten noch etliche Kaffee zusammen trinken. Was, liebe Oma,  würde ich jetzt dafür geben, noch einmal mit Dir zusammen sein zu können und Dir zu sagen wie wundervoll Du warst. Dir zu sagen wie viel Platz Du in meinem Leben und in meinem Herzen eingenommen hast. Dir zu sagen, wie sehr ich Dich geliebt habe.

Liebe Oma, ich möchte nicht nur traurig sein. Ich möchte Dich und Dein Leben feiern. Denn Du bist es wert gefeiert zu werden. Ich weiß, dass Du größtenteils ein glückliches und fröhliches Leben hattest. Viele Jahre zusammen mit Deinem geliebten Richard in eurem schönen zu Hause. Dein zu Hause, dort hast Du Dich am Wohlsten gefühlt. Gerade zum Ende Deines Lebens als es Dir nicht mehr so gut ging, hatte ich das Gefühl, dass Dir Dein zu Hause noch viel Kraft gegeben hat. Ich bin unendlich glücklich, dass Deine lieben Kinder es Dir ermöglicht haben, dass Du bis zum Ende Deines Lebens zu Hause leben konntest. Ich freue mich, dass Du am Ende Deines Lebens wundervoll liebe Menschen in Deinem Leben hattest, die es gut mit Dir gemeint haben. Ich freue mich, dass Du mit Selma eine so langjährige und intensive Freundschaft erleben durftest.

„Als Gott sah, dass der Weg zu lang, der Hügel zu steil und der Atem zu schwer wurde, legte der seinen Arm um sie und schenkte ihr seinen Frieden“ – Liebe Oma, ich hätte Dich so gerne noch etliche Jahre hier auf Erden gehabt aber in meinem tiefsten Inneren weiß ich, dass es Dir jetzt besser geht. Ich wollte es nicht sehen und das tut mir sehr leid aber Du hattest am Ende keine Kraft mehr und das liebe Oma, ist in Ordnung.

Was bleibt, wenn ein geliebter Mensch geht? Diese Frage stelle ich mir seit Deinem Tod. Die Liebe ist stärker als der Tod – dieser Tatsache bin ich mir ganz sicher. Wir alle, die wir hier heute sitzen, tragen so viele ganz verschiedene, wundervolle, einzigartige und persönliche Erinnerungen an Dich in unserem Herzen. Diese Erinnerungen bleiben ewig. Seitdem Du nicht mehr hier bist, fallen mir so viele schöne Momente ein, die wir zusammen mit Evan, Anna und am Ende auch mit Noah erlebt haben. Ich höre Deine Stimme und ich sehe Dich. Ich habe Angst, liebe Oma, dass ich irgendwann nicht mehr weiß wie Deine Stimme klingt oder dass ich Dich nicht mehr sehe. Aber einer Sache bin ich mir ganz bewusst: Ich werde Dich immer in meinem Herzen tragen, denn die Liebe ist stärker als der Tod. Meine Erinnerungen an Dich reichen für ein ganzes Leben.  Du bist und wirst immer meine geliebte Oma Anne sein.

Liebe Oma, ich danke Dir, dass Du mir so eine liebe und verständnisvolle Oma warst. Ich danke Dir für die schönen gemeinsamen Stunden. Liebe Oma, fliege nun in das Licht hinein. Wärme Deine gute und einzigartige Seele in dem warmen Sonnenschein. Lass Dich drücken und umarmen, Du wirst immer bei uns sein. Als Juwel in unserem Herzen, liebe Oma, strahlst Du heller als ein Stern.

In Liebe, Deine Marcella.

PS: Liebe Omi, am Ende des Regenbogens sehen wir uns wieder.