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Inseln.

Immer wieder werde ich gefragt: Wie schaffst Du das? Woher nimmst Du die Kraft? Viele Menschen empfinden mein, unser Leben, als Kraftakt. Ich persönlich empfinde das gar nicht als Solchen. Jeder hat sein eigenes Leben mit seinen eigenen Gewichten, an die er sich im Laufe der Jahre gewöhnt. Jedes Päckchen, egal wie schwer es ist, fühlt sich für Menschen unterschiedlich an. Was der eine Mensch als schwer und Laster empfindet, kann ein anderer Mensch, als eine Leichtigkeit fühlen. Aber natürlich trage ich auch Päckchen, manchmal Pakete, mit mir herum. Früher habe ich diese nicht ernst genommen und immer wieder auf Funktionieren geschaltet. Bis ich irgendwann gemerkt habe, das funktioniert nicht. Zumindest nicht für eine lange Zeit. Irgendwann kamen dann meine Inseln. Inseln des Alltages. Ich habe gemerkt, dass ich auf mich achten muss und auch meine Bedürfnisse ernst nehmen sollte. Im Alltag geht es eigentlich fast ausschließlich um die Kinder. Gerade mit Evan und seinen besonderen, kräftezehrenden, Bedürfnissen bleibt nur sehr wenig Zeit für meine Wünsche. Irgendwann habe ich dann meine Inseln des Alltages eingeführt. Ich versuche mir jeden Tag eine kleine Insel des Alltages zu ermöglichen. Das sind manchmal nur kleine Momente oder Dinge wie in Ruhe, zumindest für 5 Minuten, meinen Latte Macchiato zu trinken, eine Verabredung am Abend, einen Film zu schauen, den ich schon immer mal sehen wollte, kurz zum Pferd zu fahren, ein besonderes Essen am Abend zu Hause, eine kurze Auszeit im Garten, einen Sushi Teller im Krankenhaus oder auf dem Spielplatz in der Sonne zu sitzen und dabei einen Sekt aus der Dose (alkoholfrei) zu trinken. Ich nehme auch gerne weite Autofahrten in Kauf, um einen verlassenen Spielplatz oder ein Waldgebiet zu finden.

„Das lohnt sich doch gar nicht. Das ist viel zu weit“

Das sind einige der Reaktionen, die wir auf unsere Ausflüge ernten. Das lohnt sich nicht, gibt es in meinem und Evans Wortschatz nicht mehr. Es tut uns gut, also lohnt es sich! Immer. An manchen Tagen bleibt nur kurz Zeit für eine Mini-Insel aber auch das ist okay. Das besondere Essen am Abend sind manchmal auch nur Nudeln aus der Dose. Mir geht es nicht um die Größe und den Preis der Inseln, es geht mir um das Gefühl. Ich glaube ich kann gewisse Pakete nur durch meine Inseln tragen und ertragen. Der Sushi Teller im Krankenhaus ist zu einer Tradition geworden. Natürlich gehen die Sorgen und Ängste dadurch nicht weg aber es tut mir einfach gut und wenn es mir gut geht, kann es Evan auch nur gut gehen.

Diese Woche hatte ich die Möglichkeit eine größere Wellness Inseln zu genießen und ich merke einfach wie gut die paar Stunden Auszeit mir tun. Mit wie viel mehr Kraft, Gelassenheit und Ruhe ich nach Hause komme und ich und meine Kinder davon profitieren. Früher ist es mir nicht so leicht gefallen, mir diese Auszeiten zu gönnen. Noch heute muss ich mich hin und wieder bei Leuten rechtfertigen warum mir diese Auszeiten so wichtig sind. Oftmals habe ich das Gefühl, dass es verboten ist, seine Bedürfnisse zu stillen, wenn man Kinder hat und noch ein behindertes Kind dazu. 

Durch meinen Blog und unseren Verein lerne ich viele Eltern mit besonderen Kindern kennen und wenn die Frage nach meiner Kraft kommt, erzähle ich immer von meinen kleinen oder etwas größeren Inseln des Alltages. Sich Inseln zu schaffen und zu haben ist für mich lebenswichtig. Mittlerweile habe ich auch gelernt, mir meinen Raum – auch mit Evan – zu nehmen. Was ich früher als „mich aufgeben” empfunden habe, ist mehr zu einer Art Hingabe oder Aufgabe geworden. Mit Evan zusammen ich selbst zu bleiben, musste ich erst lernen, und ich lerne immer wieder dazu. Die schwere der Pakete nimmt durch die Inseln nicht ab. Das Gewicht bleibt das gleiche. Aber meine Kraft diese Pakete jeden Tag aufs Neue zu stemmen, wird größer.  

Ich wünsche allen Menschen die Kraft, sich Inseln des Alltages zu ermöglichen. Und bitte denkt immer daran: Das lohnt sich nicht, gibt es nicht. Solange es uns gut tut, lohnt es sich. Immer!

Herzlichst,

Marcella

 

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