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Ich bin nicht verrückt.

Lieber älterer Herr aus Kiel,

ich wollte mich Ihnen gerne vorstellen. Wir haben uns diese Woche auf dem Klinikgelände in Kiel vor den Aufzügen kennengelernt. Mein Name ist Evan. Ich bin 8 Jahre alt. Ich bin Autist und kann nicht sprechen sowie die gesprochene Sprache auch schlecht verstehen. Ich lebe mit einem halben Herzen. Mein Herzfehler heißt Hypoplastisches Linksherzsyndrom. Deswegen musste ich diese Woche auch nach Kiel ins Krankenhaus. Ach ja, und das Wichtigste:

ICH BIN NICHT VERRÜCKT.

Das haben Sie am Montag bei den Fahrstühlen zu mir gesagt. Vielleicht bin ich manchmal ein wenig laut oder verhalte mich auffallend aber ich bin nicht verrückt. Ich lebe mit einer Behinderung, die mein Handeln und meine Wahrnehmung sehr beeinflusst. Mich faszinieren Fahrstühle aber irgendwie habe ich auch Angst vor ihnen. Deshalb habe ich am Montag vor dem Fahrstühlen geschrien und mich auf den Bogen gelegt. Zudem war ich noch ziemlich mitgenommen von meinem Krankenhausaufenthalt. Meine Mama hat seit Tagen überlegt, wie sie diese Begegnung mit Ihnen am Besten in einen Artikel beschreibt. Aber ich merke, dass es ihr schwer fällt und sie solche Begegnungen, die wir sehr oft im Alltag erleben, verletzen. Deswegen habe ich mir einfach gedacht, dass ich es dieses Mal selber in die Hand nehme und ein paar Zeilen an Sie richte.

Viele Menschen halten mich für frech, unerzogen oder wie Sie, vielleicht sogar für verrückt. Dabei bin ich ein ganz normaler Mensch mit ganz normalen Bedürfnissen. Ich möchte angenommen und nicht immer gleich verurteilt oder sogar beschimpft werden. Ich möchte uneingeschränkt am Leben teilnehmen und das Leben genießen.

Ich weiß, dass Sie es vielleicht gar nicht so böse gemeint haben oder Sie es einfach nur nicht besser wissen. Wie sollten Sie auch? Ich sehe ja total gesund aus. Man sieht mir meine Behinderung nicht an. Aber trotzdem ist sie da und schränkt mich im Alltag sehr ein. Ich versuche jeden Tag mein Bestes zu geben aber für mich bedeutet es, jeden Tag aufs Neue, mich den Herausforderungen des Alltages zu stellen. Und glauben Sie mir bitte, diese sind nicht einfach.

Worte haben Bedeutung und diese kann sehr verletzend und demütigend sein. Ich würde mir so sehr wünschen, dass Sie das nächste Mal, wenn Sie einen Menschen sehen, der sich nach Ihrem Verständnis, nicht „der Situation angemessen verhält“, inne halten und Ihre Worte herunterschlucken. Vielleicht können Sie ja auch Ihre Hilfe anbieten oder einfach fragen was los ist. Denn Worte können verletzen. Sehr sogar. Sie gehen nach Hause und haben es vielleicht sogar schon vergessen aber wir nicht.

Und bitte merken Sie sich:
Ich bin nicht verrückt. Ich bin Evan.

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