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Immer gleich ein Schattenkind?

Zwei kleine Jungs sitzen zusammen im Bett. Vertieft im Spiel. Jeder für sich aber doch gemeinsam. 

Meine zwei wundervollen Jungs. Brüder. Ein behindertes Kind und ein Schattenkind.

Ein Bild. Mehrere Ansichten. Mehrere Wahrnehmungen. Warum sehen wir Menschen oft so unterschiedliche Begebenheiten? Warum empfinden wir so unterschiedlich? Warum sind Geschwister eines behinderten Kindes immer gleich automatisch Schattenkinder?

Viele schwierige Fragen, die man nicht einfach mal eben so, mal eben zwischendurch, beantworten kann. Alles hat zwei Seiten. Viele Tatsachen, haben etliche Studien mit sich gezogen. Mir ist es wichtig zu betonen, dass ich nicht den Anspruch habe, all diese Studien zu wiederlegen noch möchte ich, nur mal eben schnell, schöne Phrasen zitieren, um zu beweisen, dass alles ganz anders ist. Ganz nach dem Motto: Ende gut, alles gut. Nein, das möchte ich nicht. Ich möchte auch nicht pauschalisieren. Natürlich bin ich mir bewusst, dass nicht alle Menschen so denken, wie ich es oben beschrieben habe. Ich kann nur für mich sprechen. Ich kann nur auf meine Empfindungen und Erfahrungen zurückgreifen. Da ich diese Aussagen aber sehr oft in meinem weiten Umfeld bemerke und mehr und mehr mit einigen Aussagen und Einstellungen konfrontiert werde, beschäftigt mich dieses Thema in letzter Zeit sehr. Ich mache mir viele Gedanken. Ist Evans kleiner Bruder ein Schattenkind? Leidet er permanent unter seinem Bruder? 

Schattenkind. Schattenkinder werden die Geschwisterkinder von einem Kind mit einer Behinderung genannt, da sie oft im Schatten des anderen Kindes stehen und dadurch im Alltag nicht so viel Beachtung erfahren. Ist Noah ein Schattenkind? Ich möchte mir selber diese Frage ehrlich beantworten. Ich bin ein sehr kritischer Mensch. Oftmals gehe ich zu hart mit mir ins Gericht. Aber es ist mir wichtig immer ehrlich zu mir selber zu sein. Nichts zu beschönigen. Nichts zu idealisieren. Nichts schön zu reden und alle Seiten zu beleuchten. Und das möchte ich auch in diesem Falle tun. Ist Evans kleiner Bruder ein Schattenkind?

Es gibt viele schwierige, sehr belastende, Phasen und Momente. Tage, die nicht gut laufen und Evan sehr viel Aufmerksamkeit braucht. Tage, an denen ich besonders aufpassen muss, da Evan gereizt ist. Stunden, in denen Noah zu kurz kommt. Ausflüge, die nach ein paar Minuten abgebrochen werden müssen, da es nicht funktioniert. Laute Momente zu Hause, die belastend sind. An diesen Tagen benötigt Evan sehr viel Aufmerksamkeit und Pflege. Es ist eine Tatsache, dass ein Kind mit Besonderheiten sehr viel Wachsamkeit und Hingabe benötigt. So ist es auch bei uns. Vieles dauert mit Evan einfach länger. Vieles gestaltet sich schwierig. Mal eben so, geht bei uns nicht. Ich glaube in diesen Momenten steht Noah im Schatten seines Bruders. In diesen Momenten kann ich mich nicht so um Noah kümmern, wie ich es gerne würde und wie er es in diesen Momenten eigentlich benötigt.

Es ist schwierig, unmöglich, immer beiden Kindern gerecht zu werden. Aber genauso gibt es die Tage, an denen weniger Zeit für Evan bleibt. Momente, die für Evan schwer zu ertragen sind, da sein Bruder schreit oder weint und Evan lernen muss, sich zu gedulden. Momente, in denen Evan im Schatten seines kleinen Bruders steht. Es ist ein Balanceakt, immer zu schauen was welches Kind gerade braucht. Immer wachsam zu sein und einzuschätzen, wer wie viel Aufmerksamkeit und Zuwendung benötigt. Ich glaube dieses Problem kennen alle Eltern – egal ob mit oder ohne Behinderung. Natürlich ist die Gefahr bei einem Kind mit einer Behinderung größer, da das besondere Menschenkind oft viel mehr Aufwendung und Zeit benötigt, als das nicht behinderte Geschwisterkind. Aber bedeutet weniger Zeit, immer direkt im Schatten zu stehen? Direkt ein Schattenkind zu sein? Geht die Gleichung:

Behindertes Kind = Geschwister Schattenkind

immer auf?

Ehrlich gesagt, glaube ich es nicht. Ich wehre mich vehement gegen den automatischen Stempel „Schattenkind“. Ich finde es sehr wichtig, in dem Bewusstsein zu leben, dass es Schattenkinder gibt und geeingnte Hilfe und Therapien bereit gestellt werden. Aber nicht jedes Kind ist direkt – immer – ein Schattenkind. Oft werden wir Menschen mit negativen Glaubenssätzen groß, die wir schon als Kind gelernt haben oder immer und immer wieder von der Gesellschaft vorgetragen bekommen. Ein anderer sehr gängiger negativer Glaubenssatz, den ich öfter zu hören bekommen ist, dass eine Behinderung immer direkt die Lebensqualität mindert. Auch ein Glaubenssatzt, den ich ablehne. Ich möchte weder, dass Noah direkt als Schattenkind bezeichnet noch dass Evans Lebensqualität als vermindert dargestellt wird.

Egal wie schwer der Alltag mit Evan an manchen Tagen ist, fühle ich doch ganz tief in meinem Herzen, dass Evan eine Bereicherung für Noah ist. Für Noah ist es normal, mit einem behinderten Bruder groß zu werden. Für ihn ist es normal, in gewissen Situationen Rücksicht zu nehmen und Verständnis zu haben. Ich finde es gibt durchaus schlimmeres, als mit diesen Werten groß zu werden. Noah wächst mit vielen wunderbaren und besonderen Menschen auf. Noahs Leben ist sehr bunt, oft chaotisch, manchmal etwas zu laut aber immer voller Liebe, Zuneigung und Ehrlichkeit. Ich kann nur im Moment für Evans kleinen Bruder sprechen und natürlich nicht mit Gewissheit sagen, ob er genauso empfindet wie ich es beschreibe. Aber ich versuche, genau zu beobachten und zurzeit ist das mein Gefühl. Ich werde immer versuchen, wachsam zu sein und genau Acht geben was diese beiden wunderbaren Menschenkinder gerade ganz individuell benötigen und versuchen danach zu handeln. Ich möchte, dass meine Kinder mit dem Gefühl groß werden, selber und eigenmächtig über sich bestimmen zu können und mit keinen negativen Glaubenssätze groß werden. Manchmal werden wir im Leben zu dem gemacht, was die Gesellschaft von uns denkt bzw. uns aufdrängt. So mehr man hört was man angeblich ist, umso mehr kann es sich in den eigenen Gedanken festsetzen.

Ich möchte diese negativen Glaubenssätze überwinden. Ich lasse Noah nicht direkt zu einem Schattenkind machen. Meine Kinder bekommen keinen Stempel der Gesellschaft aufgedrängt. Ich lasse mir keinen Stempel aufdrängen. Wir Menschen sind so viel mehr als Glaubenssätze.

Evan und Noah, ihr seid so viel mehr als irgendwelche Glaubenssätze.

4 Kommentare

  1. Dem kann ich mich nur anschließen,
    Als ich 2 Jahre alt war wurde meine Schwester geboren. Erst hieß es entwicklungsverzögert, dann hieß es sie würde nicht alt, letztendlich traute sich niemamd mehr etwas zu sagen.
    Fakt ist, sie lebt mit ekner Behinderung. Noch mit ijren jetzt 25 Jahren wird sie gewickelt, gefüttert und muss, auf Grund von Gangunsicherheiten, Krampfanfällen und Panikattaken immer unter Beobachtung stehen. War mein Leben dadurch anders? Ja, schlechter? Ich würfe sagen nein. Neben meiner Schwester und meinem leiblichen Bruder gibt es noch 2 Pflegekinder in der Familie. Alle von uns haben einen besonderen, eigenen Bedarf nach Zuwendung und Aufmerksamkeit gehabt. War ich früher selbstständig als viele meiner Altersgenossen? Ja. Und ich habe in der Jugend durchaus Phasen gehabt, in denen ich mir gewünscht hätte so unbeschwert und Fokuslos wie „die Anderen“ zu sein. Ich kann aber nicht mal sagen, ob ich das unter anderen Umständen überhaupt geworden wäre. Noch heute sind meine Schwester uns näher, als ich es mit den meisten anderen Familienmitgliedern bin. Noch heute sage ich, dass ich mich durch meine anderen Geschwister viel häufiger in einen Schatten gestellt fühlte. Warum, weiß ich nicht genau. Vielleicht habe ich schnell gemerkt, dass pflegerische Tätigkeiten etwas anderes sind als echte Zuneigung. Und ich wusste mich immer in einem der Fokusse meiner Eltern. Vieles habe ich alkein gemacht aber meine Eltern waren interessiert daran und in wirklich wichtigen Momenten da. Und meibe Eltern, das rechne ich ihnen hoch an, haben immer wieder versucht mir die Verantwortung, die ich mir immer wieder selbst auflud, abzunehmen und mir klar zu machen, dass das nicht wirklich meine Aufgabe ist. Und so bin ich auch heute bereit, zwar im Falle der Fälle die Vormundschaft, aber nicht die Pflegschaft für meine Schwester zu übernehmen. Also nein, ich selbst empfinde mich nicht als Schattenkind, vielleicht sind wir Sonnen und Mondkinder und leuchten durch den anderen nur noch etwas heller.

    • m.wessel12@yahoo.de sagt

      Liebe Jana! Vielen Dank für Deinen offenen und ehrlichen Kommentar. Du hast mich mit Deinen Worten sehr berührt. Vielen Dank! Marcella

  2. Liebe Marcella, ich habe großen Respekt davor, wie du zwei so unterschiedlichen Kindern versuchst gerecht zu werden. Ich habe eins, bisher relativ „pflegeleichtes“ und komme trotzdem an meine Grenzen. Toll, immer mal von euch zu lesen.

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