Allgemein, Autismus
Kommentare 3

Das muss einfach (noch)mal gesagt werden.

“Ein rotzfreches Kind. Aggressiv. Nicht erzogen. Respektlos. Einfach nur widerlich. Der ist doch nicht behindert!”

Eine Szene, Worte, aus einem Film? Nein. Leider nicht. Eine Szene aus unserem Leben. Vorgestern am See. Evan hat zwei Damen mittleren Alters mit (etwas) Sand beworfen und nass gespritzt – was ich definitiv nicht billige. Ich habe mich sofort entschuldigt und Evan mit seinen GUK Gebärden zu verstehen gegeben, dass das nicht in Ordnung war.

Eine einmalige Szene? Nein. Leider nicht. Egal ob im Supermarkt, auf der Straße, im Park, auf dem Spielplatz, in der Eisdiele, am See, bei Freunden oder Bekannten, Evan verhält sich nicht gesellschaftskonform und angepasst. Sein Verhalten wird oft mit “Frechsein“, Aggressivität und Trotzanfällen verwechselt und mit einem beiläufigen Kopfschütteln bis hin zu gemeinen und menschenverachtenden Kommentaren sowie herablassenden Blicken abgetan. Und wissen Sie was? Das tut weh. Sehr weh sogar. Nicht immer prallen diese Kommentare und Verhaltensweisen an mir ab.

An alle Mitmenschen, Freunde, Familie und Wegbegleiter: Evan hat weder immerwährende Trotzanfälle noch ist er gemein gefährlich oder verfügt über ein hochgradiges Aggressionspotenzial. Durch die vielen Reize und Besonderheiten im Alltag kann man bei ihm eher von einer Reizüberflutung sprechen, die sein Verhalten in bestimmten Situationen auslösen. Hinzu kommt die fehlende (deutliche) Kommunikation, die einige Gegebenheiten noch verschlimmern können.

Natürlich muss auch Evan sich in der Gesellschaft an Grenzen und gewisse Regeln halten. Aber er wird sich nie gesellschaftskonform und den Erwartungen anderen entsprechend verhalten. Und wissen Sie was? Das muss er auch nicht. Von einem Kind, das im Rollstuhl sitzt, würde man nie erwarten, dass es laufen soll. Dieses auszusprechen wäre grauenvoll, völlig unangemessen, schlichtweg nicht akzeptabel. Warum also wird genau das immer und immer wieder von Evan verlangt bzw. erwartet? Nur weil er gesund aussieht?

Ich wünsche mir Mitmenschen, die uns nicht sofort verurteilen und mit herablassenden und völlig unangemessenen Kommentaren behelligen. Evan ist ein Teil dieser Gesellschaft und ich erwarte (wünsche mir), dass er auch als solches behandelt wird. Inklusion auf dem Papier ist nicht genug. Inklusion fängt in den Köpfen der Menschen an. Wer von vornherein nicht ausgegrenzt wird, der muss nicht erst integriert werden.

Auch wenn Evan in seinem Leben schon einige negative Erfahrungen, erleben musste, hat dieser wundervolle Junge die Gabe, liebevoll auf Menschen zuzugehen, sie einfach an die Hand zu nehmen und schlichtweg an das Gute in jedem Menschen zu glauben. Ganz ohne Vorbehalte. Egal welcher Abstammung, welche Behinderung oder welcher sozialen Schicht sie angehören. Ist das nicht großartig?! In solchen Momente wird mir bewusst, dass dieses kleine Menschenkind mir und vielen anderen so viel voraus hat.

3 Kommentare

  1. Sarah sagt

    Nein, muss er nicht, habe ich gedacht, als ich den Satz gelesen habe, dass er sich an Regeln und Grenzen der Gesellschaft halten sollte. Er kann es noch nicht. Wird es aber sicher irgendwann können und lernen, einfach später als andere Kinder. Sie als Mutter müssen allerdings die Kommentare anhören, sich ein dickes Fell zulegen und das nicht persönlich nehmen. Das ist nicht persönlich gemeint, wir leben in einer schnelllebigen Welt, in der wir einfach unserem Trott nachgehen möchten. Das ist die Krankheit unserer Gesellschaft. Sie schreiben so liebevoll von ihrem Kind, dass ich weiss, dass Sie das schaffen. Wenn es irgendwann wieder so eine Situation gibt, dann denken Sie doch an uns, wir glauben an Sie und Ihr Kind.

  2. Hallo. Sie sprechen mir so sehr aus der Seele. Ein ganz toller Artikel. Ich habe sogar Streit mit meiner ‘Freundin’ bekommen obwohl ich mich ihr offenbart habe was der kleine hat. Diese Freundschaft besteht heutr nicht mehr. Es wird als unerzogen angesehen das ist ganz falsch und das verstehen diese Leute von außen. Ein Integrativ Platz im Kindergarten bringt nichts wenn man dort eh schon dem Außenseiter stand hat. Es ist oftmals einfach nur Traurig. Wir kommen langsam in ein Alter wo mein Kind merkt das er gemieden wird. Keine Ahnung wo das enden soll. Mein größtes Problem ist das man die Behinderung nicht sieht und auf den ersten Blick denkt er ist ein hübscher kleiner Junge der bestimmt viele Freunde hat. Ich fühle mich oft allein gelassen. Keine Kinder Geburtstag kein Freunde Buch wo er mal rein schreiben darf. Nichts 🙁 eine Freundin hat er gefunden nach einem Jahr Kindergarten Aufenthalt davor wurde er einfach in der Ecke stehen gelassen. Manchmal weiß ich nicht wer es schlimmer hat ich als Mama das anzusehen oder er weil er nicht weiß wieso ihn keine mag….. ich wünsche mir so sehr ein bisschen mehr Toleranz…. abgesehen von den ganzen Uniklinik Terminen und das ganz andere Familien Leben als es andere Familien haben wissen diese Leute garnicht wie schwer alles ist und wie sie einem mit ihrem Ignoranz Verhalten verletzen. Auch wenn ich mir auch ein dickes Fell angelegt habe, kränkt es einen doch zu tiefst…

    Alles Gute
    herzliche Grüße

    • m.wessel12@yahoo.de sagt

      Liebe Jenny, vielen Dank für Deinen Kommentar! Ich kann Dich sehr gut verstehen. Toleranz und Verständnis sind leider nicht immer gegeben. Ich wünsche Dir alles Gute und vor allem sehr viel Kraft. Alles Liebe, Marcella

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