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Wenn ein Mensch langsam verblasst.

Menschen strahlen und scheinen in den hellsten Farben. Manche Menschen leuchten so stark und so hell, dass man der festen Überzeugung ist, dass ihre Farben nie verblassen werden. Dass sie immer so strahlend bleiben. Vor ein paar Tagen saß ich meiner Oma gegenüber und konnte meinen Blick nicht mehr von ihr abwenden. Ich besuche meine Oma regelmäßig und sehe sie dementsprechend oft aber an diesem Nachmittag war es anders.

Sie wird immer weniger – war mein Gedanke. Nicht weniger von ihrem Ausmaß sondern weniger von Ihrer Persönlichkeit. Sie verblasst. So wie ein Stück Stoff, dass vom Leben immer und immer wieder gewaschen wird und jedes Mal ein wenig mehr verblasst und an Farbe verliert.

Meine Oma wird dieses Jahr 80 und natürlich – ganz selbstverständlich – verändert man sich im Alter. Ich bin auch nicht mehr derselbe Mensch wie vor 15 Jahren (zum Glück). Ich finde Veränderungen positiv und möchte heute nicht mehr in meinen “Anfang Zwanzigern“ leben. Mit 33 Jahren habe ich das Gefühl, endlich bei mir selber angekommen zu sein. Zumindest bin ich auf einen gutem Weg. Veränderungen sind positiv. Auch das Altern ist positiv. Aber bei meiner Oma ist es anders. Die Andersartigkeit lässt sich mit einem Wort beschreiben: Demenz.

Meine Oma leidet an Demenz. Was ich vorher so oft verdrängt habe, nicht sehen wollte, ist mir an diesem Nachmittag bewusst geworden. Meine Oma verblasst. An diesem Nachmittag war ihr Blick leer. Sie schaute mich an und sah mich trotzdem nicht. Die Krankheit verändert einen Menschen. Sie macht aus einer erwachsenen Person ein kleines Kind. Wenn ich mit meiner Oma und Evan unterwegs bin, frage ich mich manchmal, wer anstrengender ist. Meine Oma oder Evan? Meistens ist es meine Oma. Beim Schreiben dieser Zeilen, tut mir das Geschriebene schon weh. Aber es ist die Wahrheit. Leider. Oftmals habe ich keine Geduld für meine Oma. Ich bin schnell genervt und fertige sie mit ein paar Worten oder einer Handbewegung ab. Nach der zehnten gleichgestellten Frage, antworte ich gar nicht mehr und meine Gedanken schweifen ab.

Verständnis. Ein Wort, das in meinem Leben eine so große Rolle spielt. Ich erwarte Verständnis für unsere Situation. Ich predige in meinen Texten, Verständnis für andere Menschen aufzubringen. Mir selber aber fällt es unheimlich schwer, Verständnis für meine Oma zu haben. Warum? Es tut weh, meine Oma beim “Älterwerden“ zuzusehen. Meine Oma dabei zu beobachten wie sie immer mehr abbaut und an Farbe verliert. Meine Oma ist die Einzige, die mir von meinen Großeltern geblieben ist. Ein Stück Kindheit. Ein Stück Jugend. Sich einzugestehen, dass sie immer wenig wird, bedeutet gleichzeitig sie Stück für Stück gehen zu lassen.

Annehmen. Veränderungen annehmen. Alter annehmen. Den Lauf des Lebens annehmen. Vielleicht geht es gar nicht immer darum wie grell und hell unsere Farben des Lebens leuchten, sondern um die Intensität der Farben. Wenn ich an meine Oma denke, denke ich an ein starkes und dunkles Rot. Ein Rot, dass über die Jahre an Deckkraft zugenommen hat. Schicht für Schicht deckender und dunkler wurde. Vielleicht ist es ganz normal, dass aus einem leuchtenden Rot über die Jahre ein gesetztes dunkles Rot wird. Eine Farbe, der man die Lebenserfahrung deutlich ansieht. Ein Stück Stoff, das zwar nicht mehr so kräftig leuchtet aber dadurch nicht an Wert verloren hat, sondern dessen Wert durch das Waschen über die Jahre zugenommen hat.

Was macht einen Menschen aus? Der Kopf und/oder der Verstand? Für mich ist es das Herz. Über die Monate habe ich gelernt, dass, wenn ich meine Oma erreichen möchte, ich die Sprache des Herzens sprechen muss und nicht so sehr die Sprache des Kopfes.

Scheiß auf Demenz! Oma, ich hab Dich lieb.

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