Allgemein, Autismus
Kommentare 22

Grenzen.

Mutterliebe ist eine Leidenschaft, die ihre eigene Gewalt und Größe hat (Carmen Sylva).

Seitdem Evan auf der Welt ist, weiß ich was Mutterliebe bedeutet. Wie stark, rein und ehrlich diese Liebe ist. Ich liebe Evan. Sehr. Aber. Aber? Aber es gibt auch diese anderen Tage. Stunden. Minuten. Sekunden. An/in denen macht Evan es mir schwer. Kratzen, beißen, hauen, treten. Evan ist ein sehr impulsives kleines Kerlchen. Ihm fehlen die Worte und stattdessen benutzt er seine Hände, seinen Mund oder manchmal auch seine Beine. An manchen Tagen, Stunden, Minuten oder Sekunden ist es sehr schwer zu ertragen. Ich habe das Gefühl ich zähme ein wildes Tier. Versuche es zu beschwichtigen. Möchte es nicht dressieren oder konditionieren. Aber manchmal soll/muss er auf mich hören. Ich bin ein sehr geduldiger Mensch und habe mir immer vorgestellt meinem Kind auf Augenhöhe zu begegnen, um zu erklären. Liebevoll zu erziehen. Stattdessen muss ich an diesen anderen Tagen versuchen mich zu schützen. Uns zu schützen. Kurz den Raum verlassen. Einmal tief durchatmen. Evan ist krank und kann sein Verhalten nicht steuern, dieser Tatsache bin ich mir bewusst. Er ist weder hochaggressiv noch gemeingefährlich oder bösartig. Aber trotzdem möchte man nicht gehauen, gebissen oder getreten werden. Das macht etwas mit einem. Auch mit einer Mutter. Evan sieht nur seine eigenen Bedürfnisse. Versteht nicht, dass ich auch welche habe. Ich stelle mir ein Fass vor. Aus diesem Fass wird dauernd – ständig – getrunken. Leider wird dieses Fass nur sehr – äußerst selten – wieder aufgefüllt. So ergeht es mir an diesen bestimmten anderen Tagen. An denen bin ich leer. An diesen bestimmten anderen Tagen mutiere ich zum Monster. Schreie lauter als Evan und muss fürchterlich dabei aussehen. Selfie? Nein, danke! Versuche ruhig zu bleiben. Es nicht persönlich zu nehmen. Anstatt liebevoll bestimmt zu erklären, muss ich mit Kraft dagegen lenken. Was ich dann brauche? Eine Pause.

Schatz, ich brauche eine Pause. Kannst Du Dich bitte kurz kümmern? Und schon steht ein äußerst attraktiver Mann mit einer Engelsgeduld und einem liebevollen Wesen in meiner Küchentür. In einem Supermankostüm. Mein Superman. Er kümmert sich rührend um Evan und ich kann meinen langersehnten Latte Macciato trinken und mich ein wenig meinem Blog widmen. Leider sind diese Gedanken geringfügig – sehr geringfügig – utopisch, wenn man sich überlegt, dass ich alleinerziehend bin und Evan der einzig männliche Vertreter in unserem Haushalt ist. Zudem würden meine Single und alleinerziehenden Freundinnen jetzt vehement protestieren und argumentieren, dass in der Realität – in der wahren Welt – dann eher ein etwas dicklicher Mann mit Maurerdekolletee in der Küchentür steht oder auf dem Sofa sitzt und seine tägliche Bierration verlangt. Aber man wird doch nochmal träumen dürfen?

Die anderen Tage. Ich finde dieses Thema sehr schwierig. In Deutschland. Generell schwierig. Viele denken darüber nach aber nur wenige sprechen darüber. Über eben genau diese anderen Tage. Letztes Wochenende, während eines schlechten Tages, in einer schlechter Stunde, wollte ich mir ein wenig Mut anlesen. Ich habe mich mit einem leckeren Latte Macciato auf mein Sofa gesetzt und meine vorher errungenen – sorgfältig ausgesuchten und teuer bezahlten – Eltern Zeitschriften dazu geholt. Da saßen wir nun, mein Latte Macciato, die Eltern Zeitschriften und ich (Evan war im Badezimmer unter der Dusche – jedes Mal, wenn ich eine kleine Pause brauche, drehe ich die Dusche auf und siehe da: Evan steht schon bereit. Wie David Hasselhoff am Strand von Venice Beach, nur etwas niedlicher. Evan natürlich. Unser Wasserverbrauch ist enorm). Gleicht geht es mir etwas besser. So wie mir, geht es bestimmt einigen Eltern – waren meine Gedanken. Nach der ersten Eltern Zeitschrift war ich ein wenig deprimiert. Nach der zweiten war ich frustriert und nach der dritten habe ich geheult. Wie ein Schlosshund. Artikel wie “Wir ernähren uns nur noch mit Bio Produkten und kochen jeden Tag ultrafrisch bis hin zu “die Wohnung neu sortiert in nur 100 Schritten” haben meine Launen oder meine vorübergehende Depression nicht verbessert. Was, die haben noch Zeit jeden Tag 2x biofrisch zu kochen und ihren Kleiderschrank nach farblichen Mustern sowie den Rest der Wohnung zu ordnen und sortieren?!!! Jetzt war ich wirklich am Ende. Oh, ein Interview habe ich übersehen. Von Eltern mit einem behinderten Kind. Jetzt wird gleich alles besser. Leider nicht. Das Interview war ein Zusammenwurf von positiven Wörtern. Alles gut. War nie besser. Überfordert oder erschöpft habe ich leider nicht gefunden. Auch nach intensivster Suche. Das nächste Mal werde ich lieber ein paar ehrliche Mami Blogs durchlesen oder mit einigen meiner Freundinnen telefonieren, die auch ein behindertes Kind haben. Danach geht es mir meistens besser.

Es macht etwas mit einem an seine Belastungsgrenze zu kommen. Auch mit einer Mutter. Gerade mit einer Mutter. Ich bin eine tolle, liebevolle und geduldige Mutter. An vielen Tagen. Aber es gibt auch diese anderen Tage. Da bin ich am Limit. Balanciere auf einen Seil und bin oft davor abzustürzen. Manchmal tue ich das sogar. Irgendwie schaffe ich es immer wieder aufs Seil und balanciere mich aus. Falle wieder runter und stehe wieder auf und klettere mit letzter Kraft und meinen letzten Reserven erneut aufs Seil. Für Außenstehende muss es lächerlich aussehen. Die gibt einfach nicht auf! Warum lässt sie es nicht einfach?! Die fällt doch sowieso immer wieder runter. Stimmt. Aber jedes Mal komme ich etwas weiter. Nur ein Stückchen. Aber ich komme weiter und gebe nicht auf. Irgendwie schaffe ich es immer und immer wieder auf das Seil.

Warum ist das Muttersein immer eng mit Schuldgefühlen verknüpft? Darf man als Mutter keine Grenzen haben? Muss man immer alles geben müssen? Jeden Tag bis an Limit gehen und dabei noch ultrabiofrisch kochen und den Kleiderschrank sowie die Wohnung nach Mustern sortieren? Früher war der Gedanke, dass es diese anderen Tage gibt, fürchterlich für mich. Tage, Stunden oder Minuten, an denen mir alles nicht so leicht fällt. Ich habe mich für meine Gefühle und Emotionen geschämt. Ich bin eine schlechte Mutter. Ich habe ein behindertes Kind. So etwas darf ich doch nicht denken. Ich muss Evan jeden Tag aufs Neue äußerst liebenswert und zuckersüß finden. Mittlerweile weiß ich, dass ich auch mal sauer sein darf. Ihn vielleicht auch mal doof finden darf. Sowie er mich hin und wieder auch mal doof findet (er sagt es zwar nicht, aber ich merke es deutlich. Sehr deutlich).

Es tut mir gut, zu explodieren und meine Wut herauszuschreien. Jeder Mensch hat seine Grenzen. Auch eine Mutter. Die Grenzen eines Menschen sind sein persönliches Hoheitsgebiet. Innerhalb dieses Gebietes muss jeder Mensch für sich selber bestimmen was in Ordnung ist und was nicht. Ich habe meine Grenzen. Evan hat und braucht seine Grenzen. Jeden Tag fordert er 101% meiner Aufmerksamkeit. Leider verfüge ich nach meiner Arbeit, dem Haushalt, dem Organisieren meistens noch über 60%. Mal sind es etwas mehr, mal etwas weniger. Wir werden 60% zu 101%? Gar nicht. So einfach ist das. Früher habe ich über meine Kapazitäten gelebt. Körperlich und emotional. War bereit auf dem Schwarzmarkt die restlichen 41% zu kaufen. Heute? Würde ich dafür kein Geld mehr ausgeben. Mittlerweile nehme ich diese anderen Tagen samt Gefühlen und Emotionen dankend an. Dankend? Ja, dankend. Nach der Nacht kommt der Tag. Nach dem Regen kommt die Sonne. Ohne Regen würde es keine wundervollen Blumen geben. Manchmal muss man sich kurz doof finden, damit man sich im nächsten Moment wieder sagen/zeigen kann, dass man sich toll findet. Ich bin eine tolle Mutter. An den guten und ganz besonders an den schlechten Tagen. Und spätestens wenn sich Evan mal wieder heimlich in sein viel zu kleines Supermankostüm gezwängt hat und mit seiner Flasche – gefüllt mit Tee versteht sich – in unserer Küchentür steht, muss ich doch ein wenig schmunzeln und erfreue mich daran, dass ER in diesem Kostüm steckt. Mit seiner Flasche Tee in der Hand. Evan. Mein ganz persönlicher kleiner Superman.

Eine Mutter sollte sehr viel Wert darauf legen, ‘was aus ihr selbst wird’. Wenn ihr Wachsen gehemmt wird, wird auch das ihrer Kinder gehemmt sein. (Prentice Mulford )

In diesem Sinne, liebe Mütter, achtet auf Euch! Ihr seid wunderbar.

 

 

 

 

22 Kommentare

  1. Dein Beitrag hat nur einen “Fehler”. Du bist auch eine gute Mutter, wenn Du meinst, eine schlechte zu sein.
    Es klingt banal, aber Du bist ein Mensch mit Grenzen, Wünschen, Hoffnungen und nicht nur Mutter, wie Du ja selbst schreibst.

    Ich habe vor einiger Zeit einen interessanten Artikel gelesen. Das war kurz bevor Kate in England ihr 2. Kind bekam. Eine Mutter schrieb, sie wünsche sich am liebsten, dass das Kind behindert auf die Welt käme, aber nur aus dem Grunde, dass es dann wahrscheinlich mehr Förderung gäbe, die Arbeit und oft Überforderung der Mutter thematisiert werden würde, die Probleme Therapien zu erhalten usw. Sie würde dann aber auch erkennen, wie wunderbar es ist, ein solches Kind zu haben. Wie sich der Blick auf die Welt ändert….Es war faszinierend geschrieben….so wie Dein Beitrag.
    Liebe Grüße, Ann

    • Hallo Ann! Ja, da hast Du völlig Recht. Leider vergesse ich das im Alltag und an diesen anderen Tagen manchmal. Liebe Grüße, Marcella

  2. Vielen Dank für diesen ausdruckstarken und so wahren Artikel! Ich denke, jede Mutter kennt diese Tage, die du da beschreibst, sowohl die Guten als auch die Schlechten. Auch mit einem gesunden Kind. Auch mit liebevollem Ehemann und Vater. Du trägst eine doppelte Last, bist allein und hast ein Kind mit Behinderung. Ich rufe dir ganz laut und ganz fest zu, dass das gar nicht lächerlich aussieht von außen, das vielleicht irgendwelche Trottel lachen, die noch nicht oben auf dem Seil der Kindererziehung standen. Doch jeder, der mal einen Schritt gewagt hat, vielleicht in einer anderen Höhe, der weiß, was du leistest, und feuert dich an. Und du balanciert nicht nur Kind, Einkommen und Haushalt, sondern auch noch diese Seiten – bitte weiter so!
    Herzliche Grüße, die kleine Seiltänzerin von weiter unten 🙂

  3. Vielen Dank für diesen ausdruckstarken und so wahren Artikel! Ich denke, jede Mutter kennt diese Tage, die du da beschreibst, sowohl die Guten als auch die Schlechten. Auch mit einem gesunden Kind und liebevollem Vater und Ehemann. Jeder, der nich nie auf dem Seil der Kindererziehung war, mag lachen, doch jeder, der selbst mal einen Schritt gewagt hat, wenn auch in einer anderen Höhe, weiß wie schwer es ist. Und du balancierst nicht nur Kindererziehung, sondern auch noch Einkommen und Haushalt – und noch dieses Blog!
    Bitte weiter so, ich feuer dich an!
    Die kleine Seiltänzerin von weiter unten 🙂

  4. Es wird leichter mit der Zeit. Elternzeitschriften habe ich schon vor Jahren verbannt, sie kamen mir plötzlich so vollkommen banal vor in ihren Themen. Die meisten Kinder essen lieber Pommes als liebevoll und aufwendig gekochtes Bioessen und wer sieht schon, ob mein Kleiderschrank nach Farben sortiert ist? 😉

    Was ich sagen will: Ich kenne diese Tage, an denen ich einfach nur erschöpft und leer bin. Tage, an denen mir der Geduldsfaden reißt und ich die Kinder anmeckere. Tage, an denen ich mich hinterher über mein ungerechtes Verhalten ihnen gegenüber ärgere. Das ist nicht schön, aber wir sind eben auch nur Menschen, keine Maschinen. Wichtig ist, immer wieder auf das Seil zu klettern und nicht einfach unten stehen zu bleiben. Du schaffst das. Du wirst das noch viele Male schaffen. Und mit jedem Mal wird das Fallen etwas weniger schmerzhaft und das Aufsteigen hinterher leichter. Du wirst sehen.

    • Verbannt, das ist gut. Das werde ich wahrscheinlich auch machen. Oder sie nochmal herausholen, wenn ich mich amüsieren möchte ;o) Vielen Dank für Deine aufbauenden Worte. Liebe Grüße, Marcella

  5. Natascha sagt

    Liebe Marcella,
    seid ein paar Wochen lese ich deinen Blog und ich bin so froh, dass ich dich gefunden habe. Du und Evan lebt zu 2/3 mein Leben, aber der Gitarrenfanatiker bei uns bin ich, nicht zuletzt weil ich beruflich zupfe ?.
    Ich bin nicht alleinerziehend, und mein Mann, der übrigen normal nett aussieht und weder Bierbauch noch Maurerdekollekté hat, fühlt sich (fast) genauso verantwortlich für unser Familienleben wie ich. Aber trotzdem wir uns gegenseitig entlasten, sind wir mitnichten Supermom and -dad. In den Phasen wo Junior Schlafprobleme hat sind wir auch nach der dritten Nacht nicht mehr die Menschen die wir sonst sind. Ich empfinde es genau wie du als wahnsinnig anstrengend, dass Junior überhaupt kein Gespür für unsere Bedürfnisse hat. Beißen, treten an den Haaren ziehen … das alles kenne ich zu gut. Und ich als Mama bin am meisten geliebt, aber auch am meisten gehasst, wenn Junior in einer Überforderung steckt, und seine Wut raus muss. Ich bewundere dich, wie du das als Alleinerziehende wuppen kannst.
    Nun ja, und Elternzeitschriften sind einfach nicht für uns geschrieben. Es ist ein bisschen so, als würde man sich mit Eltern unterhalten, die einem ständig von ihrem perfekten Kind erzählen. Mich sehen die nur fassungslos an wenn ich erzähle, dass Junior mit seinen 6 Jahren endlich mal nach Aufforderung mir seine Socken angereicht hat, nachdem ich ihn dazu aufgefordert habe, oder beim Vorbeigehen an einer Eisdiele diese als Eisdiele erkannt hat und lautstark ein Eis einfordert.
    Ich freue mich darauf, bald wieder von euch zu hören.
    Natascha

    • Liebe Natascha, vielen Dank für Deine Worte. Beruflich zupfen, das ist toll! Leider reicht es bei mir nur für ein paar Evan & Marcella Lieder und dafür braucht man schon viel Phantasie ;o)

      Bitte grüße Deinen Mann unbekannter Weise von mir. Es war etwas überspitzt geschrieben. Ich mag Männer, sehr sogar, und denke nicht, dass es entweder nur Superman oder Mann mit Maurerdekolletee gibt ;o) Liebe Grüße, Marcella

  6. Hallo Marcella
    Ich bin auch Mutter und ich liebe meine Jungs über alles sie sind wunderschön klug und wissen was im leben wichtig ist .ich liebe und schätze die zeit die Ich mit ihnen verbringen kann und die Gespräche die wir führen . Trotz der liebe die ich spüre wird mir manchmal alles zuviel völlig normal egal ob deine Kinder behindert sind oder nicht .vermutlich ist es schwerer wenn dein Kind dir wehtut und nicht begreift das es dir schmerzen zufügt. Du bist eine gute Mutter weil du dein Kind am besten kennst und weist das es besonders ist so wie du auch besonders bist und auch nur Mensch Frau und vor allem diejenige die ganz selten an sich denkt so wies Mütter eben tun …

  7. Hallo Marcella, darf ich dir mal was ehrliches schreiben?
    Mich graut es vor nächster Woche… da sind nämlich Schulferien. Da habe ich zwei Kinder 24 Stunden lang um mich herum. Ja, ich gebe es zu, dass ich es sehr anstrengend finde und weiß, dass ich abends nur noch ins Bett will Ein behindertes Kind und ein Baby- hurra.
    Klar, bin ich selbst Schuld- wollte ja zwei Kinder und ich bin froh dass ich Beide habe und liebe die Kerlchen über alles. Aber Ferien sind sch*** 😉

  8. Yvonne sagt

    Einfach mal ein Dankeschön! Du sprichst mir auch hier aus der Seele. Wobei ich das Glück eines Ehemanns habe, der mir ein bisschen Luft verschafft. Dennoch… Diese Gefühle überkommen auch mich sehr oft. Ubd durch die Schichtarbeiten, sieht mein Mann den Kleinen manchmal nur am Morgen kurz.

    Du bist nicht allein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.