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Alleinerziehend? Na und!

Mein Auto. Mein Haus. Meine PlayStation. Männer sitzen sich gegenüber und “bewerfen“ sich lauthals mit ihren Besitztümern. Danach stoßen sie an. Mit Bier und klopfen sich verständnisvoll auf die Schultern. Frauen sitzen sich gegenüber und versuchen sich mit ihren Kindern und Männern zu übertrumpfen. Männern? Ja, ihren Ehemännern. Mein Mann bügelt seine Hemden selber. Mein Mann pinkelt im Sitzen. Dabei stoßen sie an. Mit Sekt. Wenn sie stillen, mit alkoholfreien Sekt. Dabei lächeln sie sich ins Gesicht und denken: Du blöde Kuh. Wenn ich fremden Menschen gegenübersitze läuft es meistens so ab: Ihr Sohn ist aber schüchtern. Der antwortet ja gar nicht. Stimmt, er ist krank. Er kann leider nicht sprechen. Oh, was hat er denn? Die Grippe? Nein, er ist behindert und kann nicht sprechen. Oh, wie schlimm! Das tut mir aber leid. Dann hilft ihr Mann ihnen bestimmt viel? Nein, leider nicht. Oh, warum? Ist er viel unterwegs? Nein!!!! Ich habe keinen Mann. Ich bin alleinerziehend. Mit einem behinderten Kind!!!! Und Tschüss! Schon sind wir weg. Weit weg. Natürlich läuft es nicht immer getreu diesem Muster ab, aber in der Vergangenheit haben sich ähnliche Gesprächsverläufe auffallend vermehrt. Und ich habe mich gefragt: Warum? Ich habe immer mehr und mehr das Gefühl bekommen, dass ich als Frau alleine nicht komplett bin. Unsere Familie nicht komplett ist. Der Mann, der macht das schon. Die starke Schulter zum Anlehnen. Oft versucht die Gesellschaft mich über einen Mann zu definieren, der in meinem Falle leider nicht da ist. Was bleibt? Ich. Ohne Mann. Die arme Frau, ohne Mann. Ohne den Fels in der Brandung. Schon wieder stecke ich in einer Rolle, die ich mir nicht ausgesucht habe. Die ich einfach besetzte, ohne je dafür vorgesprochen zu haben. Warum bekomme ich bloß immer die Rollen, die sonst keiner besetzen möchte?! Ab heute bin ich Femme. Femme fatale. Mit Pony. Basta.

Die Bilderbuchfamilie besteht aus Vater, Mutter, Kind. Vielleicht auch zwei Kindern. Ein älterer Junge und ein jüngeres Mädchen. Im richtigen Bilderbuch wären es dann Päpabär, Mamabär und die zwei Kinderbären. Heutzutage gibt es noch viele weitere Variationen wie zum Beispiel Vater & Vater oder Mutter & Mutter. Mamabär und Evanbär. Das ist unser Bilderbuch. Früher habe ich, wenn es um das Thema Familie ging, angefangen rumzudrucksen. Ich mochte das Wort alleinerziehend nicht. Es hat mich traurig gemacht. Alleinerziehend. Alleine. Bin ich alleine? Ich bin alleine. Ich glaube es gibt nur sehr wenige Menschen, die sich von Anfang an bewusst dafür entschließen alleinerziehend sein zu wollen. In meiner damaligen Vorstellung gab es Kinder immer im Zusammenhang mit einer Familie. Mama, Papa und das Kind. Eine Bilderbuchfamilie eben. Die Wochenenden waren für mich am Anfang besonders schwer. Am Samstag konnte ich mich ablenken und beschäftigen. Was kommt nach Samstag? Genau! Der Sonntag. Und der schreit förmlich nach Familientag. In der Bilderbuchfamilie macht man sonntags immer ein schönes Familienpicknick unter blauem Himmel und auf einer rot weiß getupften Decke. Die Familie ist zusammen und man zelebriert das Zusammensein. Unser Sonntag sah dagegen in etwa so aus: Ich versuche Evan auf unserer weiß rot getupften Decke zu halten. Er entwischt und ich renne hinterher. Oh, der See! Und schon ist Evan im Wasser und Mama hinterher. Das Familienpicknick ist offiziell beendet. Nach ungefähr… Okay, das lasse ich an dieser Stelle lieber unbeantwortet.

Schließen sie ihre Augen. Wie sehen sie ihre Familie? Äh, wie meinen Sie das? Ich sehe… gar nichts. Das war meine Reaktion auf die Frage einer wundervollen Familientherapeutin. Horchen sie in sich hinein. Was macht ihre Familie aus? In diesem Moment musste ich das erste Mal inne halten und ich habe fürchterlich angefangen zu weinen. Nicht aus Traurigkeit sondern vor Freude. Ich habe das erste Mal gemerkt, dass wir komplett sind. Das nichts fehlt. Diese tolle Familientherapeuten hat es so selbstverständlich gesagt. Ohne jegliche Zweifel. Familie. Evan und ich sind eine Familie. Auch wenn ein Großteil der Gesellschaft etwas anderes denkt. Ich bin nicht alleine. Ich habe eine Familie. Evan und ich. Inklusive Omabär und Opabär! Genauso sind wir richtig. Sich zu positionieren, das habe ich über die Jahre gelernt. Ich habe überhaupt keinen Grund rumzudrucksen, wenn ich nach meinen Familienstand oder meiner Lebenssituation gefragt werde. Noch muss ich mich vor den Bilderbuchfamilien verstecken. Was ich früher in einigen Sätzen mühevoll versucht habe zu beschreiben, in manchen Fällen bis hin zu einer Rechtfertigung, fällt heute umso kürzer aus: Evan und ich leben alleine. Basta. Kein wenn und kein aber. Umso klarer ich mich positioniere, umso besser scheint es die Gesellschaft zu verstehen und zu akzeptieren. Unsere jetzigen Sonntage sehen übrigens so aus, dass ich mich mit Freundinnen auf dem Spielplatz zu einer Dose alkoholfreien Sekt treffe und wir anstoßen. Auf was? Gute Frage. Auf uns, vielleicht. Auf die Mamabären. Danach lächeln wir uns an (ohne zu denken: Du dumme Kuh- das hoffe ich zumindest). Seitdem ich klar Stellung beziehe, geht es mir besser und ich werde nur noch äußerst selten gezwungen Rollen zu spielen, die mir nicht liegen. Übrigens, auch ohne einen Fels in  der Brandung schwimme ich seit mehreren Jahren sehr zuversichtlich und halte mich -meiner Meinung nach – sehr gut über Wasser.

Was ich damit sagen will? Macht Euch frei von gesellschaftlichen Zwängen und lasst Euch nicht das typische Familienbild aufdrängen. Lasst Euch nicht in Schubladen stecken, in die ihr nicht wollt. Nehmt keine Rollen an, die ihr nicht spielen möchtet. Befreit Euch von sämtlichen Bilderbüchern und schreibt Eure eigenen Familiengeschichten. Mit euren eigenen Protagonisten. Und wissen Sie was? Bilderbuchfamilien gibt es sowieso nicht in der realen Welt. Die gibt es nämlich nur auf Bildern in Büchern und meistens als Bären. Basta!

 

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